Paris, Ende Februar

Auf die Gefahr hin, allzu unbedingten Europaidealisten damit ein wenig die Beete zu verhageln, muß ausgesprochen werden, wie fern sich heute im konkreten Verhalten die Franzosen und die Deutschen sind. Darüber darf man sich auch durch die Herzlichkeiten, die sich bei touristischer Berührung ergeben, nicht hinwegtäuschen lassen. Wenn sich bei den Konferenzen der letzten Zeit so oft und ohne irgendwelche Konspiration eine selbstverständliche Einheitsfront von Angelsachsen, Benelux, Westdeutschland und sogar Italien herausbildete, so ist der Grund dieser Isolierung Frankreichs in dessen bis heute durchgehaltener Weigerung zu suchen, den Sprung in die angelsächsischprotestantisch gefärbte technische Moderne mit ihrem Denken in globalen Zusammenhängen zu vollziehen.

Mendès-France ist derjenige französische Staatsmann, der aus seiner – auf mancherlei Wurzeln zurückgehenden – Distanziertheit, selbst dem eigenen Lande gegenüber, diesen Graben bei allem, was er tut, am bewußtesten in Rechnung setzt. Vor wenigen Wochen noch hätte man die Behauptung, daß er auf französischer Seite den wirksamsten „europäischen“ Aktivposten darstelle, bloß als witziges Paradoxon aufgefaßt. Sie wird glaubhafter, wenn man die bitterböse Feindschaft und das fast krankhafte Mißtrauen untersucht, die ihm die Volksrepublikaner als die bisher sichtbarsten Träger des Europagedankens heute entgegenbringen. Was einen Alles-oder-nichts-Europäer wie Teitgen (der über wenig Rückhalt in seiner Partei verfügende Einzelgänger Robert Schuman ist ein Sonderfall), abgesehen von allem Persönlichen von Mendès-France trennt, ist des letzteren vielbeschriener „Realismus“.

Wenn man sich die Äußerungen von Mendès-France zur Europafrage genau ansieht und sich dabei sein Fernziel, die Herausarbeitung eines europäischen Eigengewichtes zwischen den beiden Großblöcken, stets vor Augen hält, so spürt man, was ihn vom unbedingten Europaidealismus trennt: ein zu direkter Sprung in die Integration würde seiner Meinung nach ein heilloses Durcheinander hervorrufen, die Integrationsbestrebungen in Wirklichkeit auf lange hinaus lahmlegen und Interventionen jener Großblöcke – und zwar beider! – geradezu provozieren. Von hier aus muß man verstehen, weshalb Mendès-France die Poolpläne so am Herzen liegen, mag er deren Kontroll- und Bremsmöglichkeiten den innenpolitischen Gegnern gegenüber noch so sehr herausstreichen. Daß er zu Unrecht als fanatischer Dirigist herausgestrichen wird, läßt sich aus seiner ganzen Vergangenheit ablesen; er wird nur soweit Dirigist sein, als ihm das nötig scheint, um das Gefälle zwischen dem französischen Arbeitsrhythmus und dem ungleich dynamischeren der Nachbarstaaten zu überbrücken. Eine gemeinsame Armee der westeuropäischen Staaten würde das Verletzlichste, den Menschen, in den großen Umrührtopf werfen. Ein Pool wie der vorgeschlagene hingegen setzt beim Material an, das keine nationalen Differenzierungen, keine historisch begründeten Empfindlichkeiten und keine landschaftlich unterbauten Temperaturunterschiede kennt.

Wieviel Gewicht Frankreich in der Weltpolitik durch diesen schrittweise vorgehenden Realismus von Mendès-France zurückgewonnen hat, wird sogleich ersichtlich, wenn man dessen Reisen mit Laniels unglücklicher Fahrt nach den Bermudas vergleicht. Daß für die kommenden Wochen ernstlich mit einem Sturz des gegenwärtigen französischen Ministerpräsidenten gerechnet werden muß, ist darum nur verständlich, wenn man sich einen weiteren wesentlichen Unterschied zwischen Frankreich und Westdeutschland in Erinnerung ruft – einen Unterschied, der jenem selben Sichfernhalten von der Entwicklung der Nachbarn entspringt. Der Bundesrepublik wird oft vorgeworfen, daß ihr über dem Primat der Außenpolitik die Innenpolitik verlorengegangen sei. Der in Paris offen und, stärker noch, unterirdisch geführte Kampf um den Ministerpräsidentensessel zeigt, daß hier die innenpolitischen Fronten immer noch ausschlaggebend sind.

Ein solches Verhalten mag dem Ausland schwer verständlich sein. Zwar zeichnet sich in der französischen Antwort an Moskau, daß sich die Pariser Abkommen durchaus mit dem französisch-russischen Pakt vertrügen, eine außenpolitische Zielsetzung ab, die ein Ministerpräsident Pinay oder René Mayer so gut wie Mendès-France verfechten könnten. Das läge in der Linie der französischen Tradition. Aber ein Ausscheren nach dieser Richtung ist nur nach voraufgegangener Ratifikation der Pariser Abkommen möglich. Und dies wiederum ist vielleicht doch nur mit einem erprobten Dompteur wie Mendès-France möglich. Nur wenn der Senat die Abkommen ohne Zusatzanträge annimmt, bleibt ein weiterer Hexentanz in der Kammer erspart. Nun steht es aber im Senat ähnlich wie in der Kammer: die Gruppen, die entschieden für oder gegen die Abkommen sind, verbleiben Minderheiten, so daß auch hier die bisher Zögernden den Ausschlag geben werden. Und daß die Kommunisten an den Hauswänden aller Departements dem Passanten mit großen Lettern die Namen der örtlichen Abgeordneten, die „für die Wehrmacht stimmten“, in Erinnerung rufen, mag manchen Senator schrecken, sich auch ein solches Stigma aufzuladen.

Gleichwohl stellt der ausländische Beobachter in diesen Tagen fest, daß die innenpolitische Kampfstimmung bei den Parlamentariern alle außenpolitischen Bedenken übertönt. Das Schicksal der Regierung Mendès-France hängt allein davon ab, ob ihre Feinde, insbesondere innerhalb von Mendès-France eigener radikaler Partei, einen Sturz des gehaßten Mannes im Augenblick für opportun halten. Daß ein solcher Sturz heute dem Lande gegenüber psychologisch überhaupt möglich erscheint, wird von der Rechten mit Vorliebe damit erklärt, daß sich der ganze „Mendèsismus“ eben als eine große Windbeutelei entpuppt habe. Wozu mit Vorliebe auf die geschickte Propaganda des Lagers um Mendès-France hingewiesen wird. Als ob heute noch, irgendwo ohne public relatiöns regiert werden könnte!