Wie schade, daß wir noch keine „Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung“ haben! Der Wissenschaftlerbeirat von Prof. Erhard, der in seinem letzten Gutachten die Schaffung einer solchen Institution empfiehlt, hat zwar auf den feinen Unterschied hingewiesen, der zwischen den Leitzahlen (wie sie die „Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung“ aufstellt) einerseits und den Vollzugs verbindlichen Sollzahlen andererseits besteht, die in den Nationalbudgets sozialistischer Staaten eine so große Rolle spielen. Aber praktisch ist ja der Unterschied zwischen dem geforderten Produktionssoll hier und dem im Wege der Vorschätzung gewonnenen Richtwert da kaum gegeben (wie ja denn auch die Theorie keinen Unterschied weiter zwischen,, Volks wirtschaftlicher Gesamtrechnung“ und „Nationalbudget“ macht, sondern beide Begriffe fröhlich nebeneinander als Synonyma gebraucht). Hier wie da wird ein Leistungsplus, das über den veranschlagten Stand hinaus erreicht worden ist, positiv als typischer Erfolg des eigenen („überlegenen“) Wirtschaftssystems gewertet. In dem einen Falle, in der Befehlswirtschaft, heißt es dann: jeder habe gern und freudig seine Pflicht und mehr getan, und damit sei das Soll weit übertroffen worden. Im andern Fall, in der Wettbewerbswirtschaft, wird das Leistungsplus den Kräften der freien unternehmerischen Initiative verdankt, mit deren Hilfe die (sich bekanntlich mit nachtwandlerischer Sicherheit vollziehende) Expansion über Erwarten hinaus vorangetrieben werden, konnte Solche positiven Wertungen bilden also die Regel. Anders wird es erst dann, wenn das Leistungsplus auf einem Teilgebiet der Wirtschaft gar zu offensichtlich mit einer Benachteiligung anderer Teilgebiete erkauft worden ist. Dann ergibt sich die kritische Frage, ob nicht etwa das Ganze dadurch geschädigt wird, daß die betreffende Sparte das (ihr in Form des Voranschlags gesetzte) Limit überschritten hat.

Nochmals: wie schade, daß wir noch keine „Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung“ haben! Denn falls wir diese segensreiche Institution bereits eingeführt hätten, dann würde jetzt (und das mit erheblichem Nutzen für Theorie und Praxis, für die Gegenwart und für alle Zukunft!) das gerade aktuell gewordene Problem einmal durchexerziert werden müssen, wie bei und nach einer Limit-Überschreitung zu taktieren sei.. Nun sind wir freilich auf den Einwand gefaßt: es sei ja noch gar nicht ausgemacht, daß tatsächlich irgendwelche Limits überschritten worden seien, in der so erfreulichen Expansion der letzten drei oder vier Monate – seitdem „die Konjunktur durchbrach und der Wirtschaft neue Impulse gab“, wie einer der Troubadours unserer sozialen Wettbewerbswirtschaft es so schön besungen hat. Vielleicht hat dieser oder jener unserer Leser noch den Klang der Worte im Ohr, die ein alter weiser Mann bei einer restlichen Gelegenheit zur Zeit der Jahreswende gesprochen hat:

„Kaum haben wir es erreicht, daß die Absatzschwierigkeiten überwunden wurden und daß unsere Wirtschaft im Zeichen einer durchaus gesunden Expansion steht – da wird auch schon mit der Lupe nach Anzeichen für eine ungesunde Uberexpansion gesucht, werden temporäre Spannungen aufgebauscht... und werden mit beinahe hysterischer Beflissenheit die Mittel angepriesen, die dazu verhelfen sollen, die Überexpansion zu bremsen und den Wirtschaftsablauf in einen ruhigeren Fluß zu bringen... Gerade die soziale Marktwirtschaft bietet die beste Gewähr dafür, daß bei einer so starken Beschäftigung nun einmal (auf Einzelgebieten) eintretende Spannungen in kürzester Frist durch Produktionsanpassung auch wieder ausgeglichen werden ... Gerade die heutigen Zeiten sind eine Bewährungsprobe für die Kartelle, deren Nutzen bei schlechter Wirtschaftslage mit ruinösem Wettbewerb zwar unbestritten ist, die aber... größten Schaden anrichten können, wenn sie in Ausnutzung vorübergehender Markt Spannungen die Preise in die Höhe treiben...“

Man spürt es deutlich: der große alte Mann ist da ordentlich böse geworden; er empfindet es geradezu als Herostratentum, daß (bisher übrigens nur ganz vereinzelt im wirtschaftspolitischen Schrifttum) während der letzten Monate ein Zweifel darüber laut geworden ist, ob das Maß der geschäftlichen Expansion noch überall gesund sei, und daß angeregt worden ist: die zuständigen Stellen sollten vor konjunkturellen Übersteigerungen rechtzeitig warnen, um nicht später, wenn der richtige Moment für eine psychologische Zügelung „mit leichter Hand“ verpaßt worden ist, zu harten restriktiven Maßnahmen gezwungen zu sein (wobei ja dann die „Wasserschäden“, beim Löschen des Brandes, häufig größer zu werden pflegen, als der „Feuerschaden“ selber...). Wie gut wäre es auch – so darf man wohl einmal, gegensätzlich zu den eben zitierten Ausführungen (oder doch wenigstens zu einem Teilstück daraus) sagen – wenn wir jetzt überall freie Preise hätten, ohne das, was da in schöner Unbefangenheit „Kartelle“ genannt wird! In der Tat wäre (und insoweit hat Prof. Erhard absolut recht) nichts so geeignet wie der Preismechanismus und sein ungehemmtes Wirken, um Überspannungen in der Nachfrage (zunächst) – in Gestalt anziehender Preise – deutlich hervortreten zu lassen, um sie (dann) durch eine Aktivierung der Erzeugung und des Angebots zweiter Hand alsbald zu beseitigen.

Bei der „hinkenden“ Marktwirtschaft von heute (höflicher auch als „unvollendete Wettbewerbswirtschaft“ bezeichnet) kommen leider diese Kräfte der Selbstheilung gegenüber temporären (oder partiellen) Spannungen nicht zum Tragen. Auf zahlreichen Gebieten gibt es ja keinen Marktpreis mehr, der als Indikator ungenügender Versorgung wirken könnte; das führt dann zu überhöhten Auftragsbeständen und zu „schwarzen“ Überpreisen für sofort lieferbare Ware, während die angebots-anspornende und nachfrage-drosselnde Wirkung erhöhter Preise ausbleibt und auf die (mit den in einer Mangellage befindlichen Rohstoffen oder Erzeugnissen) konkurrierende Ware, weil sie keinen preislichen Vorteil bietet, nicht richtig zu ihrer Wettbewerbs-Geltung kommt. Auf den wenigen anderen Gebieten aber, wo das Spiel von Angebot und Nachfrage die Preise noch frei bilden darf, gibt es dann in kritischen Zeiten „wilde“ Ausschläge nach oben und nach unten: hier toben sich dann die Kräfte des, Wettbewerbs um so stärker aus, je mehr ihnen anderwärts die Betätigungsfreiheit versagt ist. Das zeigt sich in der Agrar- wie in der Verkehrswirtschaft, auf den Reservatgebieten, die noch der freien Preisbildung vorbehalten geblieben, also noch nichtdurch das zur Totalität strebende System der „Marktordnung“ oder der Tarifgerechtsame eingehegt sind; und der gleiche Vorgang ist ganz allgemein, also auch in der (sonstigen) gewerblichen Wirtschaft, zu verzeichnen. Und weil das so ist: deshalb treten die Anspannungen der jetzt faktisch auf breiter Front“ vorliegenden Übernachfrage nicht, „wie sich’s gehört“, vielfältig in Erscheinung, sondern sie konzentrieren sich auf einzelne wenige Gebiete. Und das führt nun weiter zu der neuerdings deutlich gewordenen Fehleinschätzung unserer derzeitigen Situation. So lesen wir beispielsweise:

„Die Versuche, sich da und dort zu höheren Preisen vorzutasten, werden in Bonn ... als nicht berechtigt angesehen. Im Interesse der Erhaltung der Kaufkraft und damit des weiteren Vertrauens zur Stabilität der D-Mark muß nach Ansicht zuständiger Bonner Regierungskreise jetzt etwas gegen die Versuche unternommen werden, durch eine neue Preiswelle die Wirtschaftspolitik der Regierung zu gefährden.“

Jetzt ist es also so weit: wieder einmal erschallt (und wie fast stets, erst dann, wenn der rechte Moment, um die Dinge noch mit leichter Hand zurechtzurücken, bereits verpaßt ist) der bekannte Ruf: „Es muß etwas geschehen!“ Nun, man könnte da ja wohl sagen: endlich! – besser jetzt, als noch viel später! Aber dieser Appell, der, wie man hört, aus dem Palais Schaumburg an Prof. Erhard ergangen ist – er solle sich gegen „unberechtigte“ Preistendenzen in Bewegung setzen und die währungsstabilitätsfeindlichhen „Störversuche“ gegenüber der Bonner Wirtschaftspolitik unterbinden –, hat seinen bösen Haken. Er hat deren sogar mehrere. Erstens nämlich: Prof. Erhard könnte sehr wohl in die Versuchung kommen, auf das an ihn gestellte Ansinnen, daß er jetzt eingreifen solle, derart zu reagieren, daß er – durchaus im Sinne der oben zitierten Auffassungen eines alten Praktikers – erklärt: alles, was geschieht, ist vernünftig... zum mindestens alles das, was in unserer so erfreulich expandierenden Marktwirtschaft von selber (d. h. ohne dirigistische Eingriffe) geschieht; insbesondere müssen sich unvermeidlicherweise in Zeiten der Vollbeschäftigung partielle Versorgungsanspannungen ergeben, und es müssen sich dann, nach dem der Wettbewerbswirtschaft immanenten Gesetz, temporäre Preisreaktionen ergeben, damit die Kräfte zur Selbstheilung ausgelöst werden ...