Von Willy Wenzke

Mitten in die in Hamburg seit dem 18. Januar in einem erfreulich günstigen Klima verlaufenden deutsch-österreichischen Handelsvertragsberatungen platzte jetzt die Nachricht von dem ungewöhnlich hohen Handelspassivum Österreichs hinein, die für die Bundesrepublik den österreichischen Wunsch nach verstärkten westdeutschen Käufen in nicht zu übersehender Deutlichkeit unterstrich. Nach den Feststellungen des Statistischen Zentralamtes in Wien beliefen sich die gesamten Einfuhren der Donau-Republik im letzten Jahr auf 8,231 Mill. t im Werte von 16,988 Mrd. S gegenüber 7,435 Mill. t für 13,269 Mrd. S. in 1953. Die Ausfuhren hatten 1954 einen Wert von 15,852 Mrd. S (5,415 Mill. t) gegen 13,187 Mrd. S (5,211 Mill. t) im vorletzten Jahr. Das bedeutet, daß sich im Handelsverkehr des abgelaufenen Jahres ein Defizit von 1,136 Mrd. S gegenüber nur 82 Mill. S in 1953 ergab; das bedeutet aber auch, daß die Einfuhren Österreichs im vergangenen Jahr um 28 v.H. angestiegen sind, während die Ausfuhren lediglich eine Steigerung um 20,2 v. H. erreichen konnten...

Dunkler Punkt der österreichischen Handelsbilanz ist immer wieder Westdeutschland. Auf der Export- und auch auf der Importseite gab es im rückliegenden Jahr Rekordergebnisse. Aber leider sind sie für Österreich mit vielen Nachteilen verbunden: der österreichische Export konnte mit den rasch wachsenden westdeutschen Lieferungen trotz der Liberalisierung überhaupt nicht Schritt halten. Mit voller Berechtigung fragt man sich in Wien, wie und wo diese Entwicklung enden soll. Westdeutschlands Österreich-Exporte hatten 1954 einen Wert von 1,035 Mrd. DM (1953: 668 Mill.); Österreichs Gegenlieferungen kamen aber nur auf 565 Mill. DM (1953: 407 Mill). Ergebnis: ein Passivsaldo von 470 Mill. DM im letzten Jahr. Bedauerlicherweise bedeutet aber diese Ziffer ebenfalls einen Rekord, denn 1953 ergab sich lediglich ein Passivsaldo von 261 Mill. DM.

Es muß auch in Westdeutschland verständlich sein, daß diese schwierige Situation die österreichische Wirtschaft zu einer weiteren Intensivierung der Ausfuhrlieferungen nach Westdeutschland geradezu verpflichtet. Unter diesem Gesichtspunkt sollte man die angestrengten Bemühungen sehen, die die österreichische Handelsdelegation unternimmt, um bei den Hamburger Verhandlungen zu Vereinbarungen zu kommen, die beiden Handelspartnern gerecht werden. Die Aussichten waren zudem ja auch nicht ungünstig; dafür bürgten allein schon die Delegationschefs: auf österreichischer Seite der Gesandte Dr. Wilfried Platzer, Chef der Handelspolitischen Abteilung des Wiener Außenministeriums, und auf der deutschen Seite der Gesandte Dr. Carl-Hermann Müller-Graaf, Leiter der westdeutschen Wirtschaftsdelegation in Wien.

Österreich strebt erhöhte deutsche Kohlelieferungen an; die Bundesrepublik möchte sie aber von erweiterten österreichischen Grubenholzlieferungen abhängig machen, obwohl Wien die Holzexporte gerade jetzt empfindlich gedrosselt hat. Österreich erhofft ferner die deutsche Zustimmung zur Abschaffung der Messekontingente und eine Erhöhung der westdeutschen Weinkäufe in Wien. Daß Hamburg an einer weiteren Verstärkung des österreichischen Transitverkehrs interessiert ist, beweist allein schon die Tatsache, daß man Hamburg zum Verhandlungsort wählte, der österreichischen Delegation Stadt und Hafen eingehend zeigte und bei glanzvollen Empfängen immer wieder auf die Notwendigkeit des Ausbaues der gegenseitigen Handelsbeziehungen anstieß. Da die Österreicher aber besonders gewandte (und charmante) Diplomaten sind, besuchten sie auch Hamburgs Nachbarschaft: Bremm und Lübeck.

Den freundlichen Worten werden nun die Taten folgei müssen; leider aber ist zu befürchten, daß nach der erfolgten Abstimmung der Warenlisten auf dem kontingentierten Gebiet die Entscheidung über die Kohle- und Holzlieferungen vertagt wird und man in Wien weiterverhandelt. Hoffen wir, daß dann endlich eine günstige Basis für den Abbau der immer stärker aufreißenden Zahlungsbilanzlücke gefunden wird. Vom deutschen Fremdenverkehr allein ist er nicht zu erwarten; eine energische Beseitigung des österreichischen Passivsaldos kann nur durch stärkere westdeutsche Bezüge erreicht werden.