Mehrfach sind in den letzten Monaten Bücher angesehener deutscher Verlage als „unzüchtige Schriften“ im Sinne des § 184 des Straf gesetzbuches beschlagnahmt worden. Dabei nahmen verschiedentlich die zunächst zuständigen Staatsanwaltschaften in verschiedenen Bundesländern verschiedene Standpunkte ein, und in einem Falle ordnete sogar eine Kleine Strafkammer als Beschwerdeinstanz die Beschlagnahme eines Buches an, für dessen Freigabe der Generalstaatsanwalt sich eingesetzt hatte. Für die Verleger bringt das wirtschaftliche Unsicherheit mit sich, und durch die Uneinheitlichkeit der gerichtlichen Maßnahmen kommt Verwirrung in die Öffentlichkeit. Die eigentliche Schwierigkeit liegt darin, daß die Grenzen des dem Durchschnittsbürger an Deutlichkeit in der direkten oder indirekten Schilderung erotisch-sexueller Probleme Zumutbaren weitergezogen sind als im sogenannten bürgerlichen Zeitalter, daß aber andererseits diese Grenzen auch dann nicht einfach aufgehoben werden können, wenn das betreffende Buch von einem Künstler unbestritten hohen Ranges stammt. Denn Goethes Wort „Eines schickt sich nicht für alle“ behält auch bei relativ größerem Freimut im Aussprechen des Sexuellen seine Gültigkeit. Was aber verlangt werden kann, ist eine Gleichmäßigkeit in der Behandlung solcher Grenzfälle. Denn solange allein das Ermessen eines einzelnen, mit Fragen der modernen Romankunst vielleicht nur wenig vertrauten Staatsanwalts oder Richters zu entscheiden hat, ist ein Durcheinander kaum zu vermeiden.

Eine Sicherung gegen Ungleichmäßigkeit und Rechtsunsicherheit wäre wohl nur dadurch zu erreichen, daß man (etwa auf Grund einer Novelle zur Strafprozeßordnung) Sachverständigengremien einrichtet, die im Falle einer Anzeige auf Grund von § 184 Gutachten zu erstatten haben. In diese Gremien müßten unabhängige Publizisten, Leiter von Volksbibliotheken und Vertreter des Buchhändler-Börsenverbandes berufen werden – Persönlichkeiten also, von denen ebensowohl ein Überblick über die Literatur der Gegenwart im In- und Ausland erwartet werden kann, wie ein Gefühl für die Grenzen, die zwischen den Moralbegriffen kleiner avantgardistischer Kreise und dem Empfinden der normalen Leserschaft zu ziehen sind. cel.