Die Anziehungskraft der Stadt Paris ist eine mächtige Waffe im Kampf, den Frankreich um seine Geltung führt. Die Geduld, die man seiner Politik entgegenbringt, die Nachsicht, mit der man seinen Launen begegnet, die Schwäche, die alle Welt für dies übelnehmerische und verwöhnte Volk hegt, das alles ist mit dem Wort „Paris“ schon halb erklärt. Der Zauber kommt nicht durch Zufall zustande, er ist vielmehr eine weltstädtische Leistung ersten Ranges, ein Produkt der Lebensenergie und des redlich erworbenen Selbstgefühls.

Die Franzosen haben in ihrer Freude an der Selbstbetrachtung zahllose Gründe für die starke Wirkung ihrer Hauptstadt zusammengetragen und damit einen Mythos zu schaffen versucht, der zugleich eine Mythologisierung der eigenen Zivilisation enthält. Aber es bedarf solcher Anstrengungen nicht, denn die Erklärung liegt in uns allen, nämlich in der Lebensform, nach der sich unsere Menschennatur sehnt und die in der Stadt Paris noch am geschlossensten und unbestrittensten zu finden ist. So vielfältig das Wesen dieser Stadt auch sein mag, wir finden in ihr den Schlüssel zu uns selbst und leben, mit und in ihr lebend, in Übereinstimmung mit unserem Wesen. Man fühlt sich richtiggestellt, und da dieser Vorgang nur von begrenzter Dauer sein kann, bleibt im Menschen ein Heimweh nach sich selbst zurück, das zugleich ein Heimweh nach der Stadt ist. Die beispiellose Vereinfachung, die mit uns vorgeht, wenn wir uns dem Lebensgesetz der Stadt überlassen, ist der Ausgangspunkt eines seltsamen Bewußtseinsprozesses. Man glaubt, falsch gelebt zu haben, und gerät nun in Harmonie mit dem eigenen Lebensgefühl.

Eine ganz andere Frage ist freilich, ob der echte Pariser die gleichen Erfahrungen macht und ob ihm eine Art von Verdienst an der Wirkung seiner Stadt zukommt. Das hochgespannte Selbstgefühl der Bewohner und ihre Überzeugung, im Herzen der Welt zu hausen, können ebensogut Regungen sein, wie sie jedem Weltstädter eigentümlich sind, der sich täglich in großen Zusammenhängen zurechtfinden und unaufhörlich Stellung nehmen muß. Daher ist denn auch der Pariser auf nichts so stolz wie auf seine Urteilskraft, ja sie erscheint ihm als das eigentliche Merkmal des hochorganisierten Menschen, der nicht nur die Fähigkeit zum schnellen Urteilen besitzt, sondern auch über die einzig richtigen Maßstäbe zu verfügen glaubt, Maßstäbe, die für den ganzen Kulturkreis Gültigkeit haben. Solange der Betrachter von außen kommt – und sehr viele Pariser sind von außen, sei es aus der Provinz, sei es aus dem Ausland gekommen – bietet der weltstädtische Monopolanspruch keine Schwierigkeiten.

Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein existierte für den Geist von Paris überhaupt keine andere Weltstadt. Wenn der Mensch aber anfängt, dazu zu gehören, wenn er im Begriff ist, die Schwelle zu überschreiten und einen Moment in der offenen Tür zögert, dann entsteht ein Augenblick der Gereiztheit, des Sichaufbäumens gegen die Tyrannei dieser Stadt, der viele literarische Blüten bizarrer Form gezeugt hat. Ein Pamphlet von einiger Dauerhaftigkeit ist dabei freilich nie zustande gekommen. Die Ausbrüche gewisser Figuren von Balzac, der Brüder Goncourt und Proust’s erlöschen alle in der Unterwerfung. Ist es dem elsässischen Pfarrerssohn Frédéric Hoffet mit seiner „Psychoanalyse de Paris“, die soviel Aufsehen erregt hat, und nun auch auf Deutsch erschienen ist (Frédéric Hoffet: Enthülltes Paris. Psychoanalyse einer Weltstadt ins Deutsche übertragen von Jean Marcel Peter. F. M. Bourg-Verlag, Düsseldorf, 239 Seiten, 11,80 DM), gelungen, den Aufruhr zu vollenden? Nein, um es gleich zu sagen: nie blieb ein Aufbegehrender jammervoller in seinen Fesseln hängen als dieser Elsässer, der in einem sehr lesenswerten Buch „La Psychoanalyse de l’Alsace“ die Hülle des Provinzlers abgestreift hat, um dafür um so gründlicher in die Falle zu stürzen, die Paris für ihn bereit hielt.

Als das Buch vor einem Jahr im Verlag Grasset erschien, errang es einen schnellen Sensationserfolg, ohne den eigentlichen Herrschaftskern der Stadt, den Hoffet den „Hof“ nennt, auch nur im mindesten zu erschüttern. Im Gegenteil, die wohlwollend interessierte Art, mit der Paris diese als vernichtend gedachte Analyse entgegennahm, war nicht frei von Verachtung. Der Verleger des Buches, der es nun einmal nicht lassen kann, seine Autoren mit Hilfe von Vorreden bei der Hand zu nehmen, leitete den Text mit Worten ein, die an dem Buch kein gutes Haar ließen. „Schwerfälligkeit“, war noch nicht das härteste Wort, das er wählte, denn er verwarf, noch ehe der Leser seine Lektüre beginnen konnte, Methode und Schlußfolgerung. Grausames Paris, das in seiner Hochnäsigkeit keine Kritik an sich herankommen läßt und an ihr höchstens seine Neugier stillt! Nun, der Absatz des Buches war gewaltig, Grasset, der so unschuldig dreinblicken kann, wußte schon, was er tat, als er ein Buch veröffentlichte, das er ablehnte.

Es erscheint mir indessen keineswegs ausgemacht, das Hoffets Studie in Deutschland auf ein auch nur annähernd so großes Interesse stoßen wird, wie dies in Frankreich der Fall war. Der deutsche Titel „Enthülltes Paris“ führt den Leser aufs falsche Geleise, die Streichungen sind nicht geschickt vorgenommen, so fehlt die ganze methodologische Einführung, in der Hoffet sich ernsthafte Mühe gibt, die Anwendbarkeit der psychoanalytischen Prozedur zu rechtfertigen, und was die Übersetzung angeht, so ist Hoffets Schreibweise durchaus nicht so gegenständlich und gefestigt, daß sie das Massaker dieser Verdeutschung ertragen könnte. Da die Voraussetzungen des Pariser Erfolges – amüsierte Schokiertheit über die Art, wie mit vertrauten Einrichtungen und Personen umgesprungen wird – im deutschen Sprachgebiet nicht gegeben sind, kann unser Interesse an dem Buch nur durch die Gründlichkeit und Schärfe der Analyse geweckt werden.

Von Schärfe und Gründlichkeit kann indessen keine Rede sein. Hoffet geht zwar mutig der Frage zu Leibe, wer eigentlich die Leute sind, die sich „Tout-Paris“ nennen und das Wetter machen, aber es genügt nicht, sie als „Hof“ zu bezeichnen (zumal gar kein König da ist), es muß auch geklärt werden, woher die Macht dieser kleinen Führungsgruppe stammt. In der Tat, diese Gruppe hat sich in ihrem Urteil sehr selten geirrt und der Welt mehr als einmal die von ihr entdeckten Werte aufgezwungen. Aber daß man „Beziehungen“ haben müsse, daß man homosexuell sein oder, allgemeiner gesagt, sich dem Prinzip der in Paris angeblich dominierenden „Feminität“ unterwerfen müsse, wird auch dem flüchtigen Betrachter nicht einleuchten. Es ist zweifellos wahr, daß in der speziellen Pariser Zivilisation seit zwei Jahrzehnten ein Absinken der Männlichkeit zu bemerken ist. Schon die merkwürdige, geistvolle Resignation gegenüber dem Phänomen Hitler deutete in diese Richtung. Aber ist denn die Homosexualität, die Hoffet so umständlich in den Mittelpunkt des „Hofes“ stellt, unter allen Umständen gleichbedeutend mit Effeminierung? In André Gides Schreiben und Person ist nicht ein Zug, der als unmännlich bezeichnet werden könnte. Ich kann auch nicht sehen, wieso Sartre oder Camus, die nach wie vor so stark an der Prägung von Paris beteiligt sind, zu jener Gruppe gehören, die Hoffet „die Erben Gides“ nennt. Geschlechtliche Anomalie und Sittenverderbnis sind durchaus nicht immer identisch, und man muß sich entscheiden, ob man Paris seine Epheben oder seine Ehebrecher vorwerfen will. Ich bin nur froh, daß der elsässische Juvenal an Paris doch einige gute Haare läßt und zugibt, daß „in dieser Welt der totalen Freiheit der Geist nie seine Rechte verliert“. Mehr verlangen wir nicht, ja es ist fast schon zuviel verlangt, da wir doch sehen, daß diese Rechte allenthalben zusammenschrumpfen.