Hirten, Bauern, Jäger, Krieger und ihre Häuptlinge, die sich wohl als Stammesfürsten, vielleicht sogar als Könige fühlten, nach unserem Maße aber doch nicht mehr als Oberschulzen einer Gemeinschaft mehrerer Dörfer waren, möglicherweise darüber hinaus auch priesterliche Funktionen hatten; dazu die Tiere, mit denen sie verbunden waren, Hunde, Stiere, auch Hirsche, daneben Opferschwerter und Darstellungen der mit Tieremblemen reich geschmückten Schiffe, mit denen dieses Volk das Meer befuhr: das sind die Themen der Kleinbronzen sardischer Herkunft aus dem 10. bis 5. Jahrhundert v. Chr., die in einem Räume des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe, in Vitrinen nach ihrer Provenienz geordnet, gezeigt werden.

Sardinien galt auch im Altertum als ein geheimnisvolles Land; selbst die Römer haben es nie ganz erobern und beherrschen können. Der wildeste Teil der Insel, die heutige Provinz Nuoro, wurde von ihnen als „barbarisch“ bezeichnet und entzog sich der römischen Kultur. Noch vor den Römern haben diePunier an der Südküste Sardiniens Handelsniederlassungen angelegt und versucht, ihre Herrschaft auf alle Küsten auszudehnen. Vor ihnen wiederum hatten Griechen, die Phocäer, es unternommen, Kolonien anzulegen. Beiden Völkern war nur ein vorübergehender Erfolg beschieden.

In der Völkerwanderung wurde Sardinien von den Vandalen besetzt. Es folgten Byzantiner, Sarazenen, italienische Eroberer aus dem Stadtstaat Pisa. Kaiser Friedrich I. erhob Sardinien zum Königtum: Friedrich II. gab es seinem Sohne Enzio. Danach geriet die Herrschaft an das Reich Aragonien. Doch erst nach zweieinhalb Jahrhunderten spanischer Unterdrückung gelang es, die einheimischen Familien auszuschalten, die unter der dünnen Decke der Eroberer in ihren Dorf- und Landgemeinschaften weiter patriarchalisch geherrscht haben, Abkömmlinge vermutlich jener Könige oder Fürsten, wie sie in den Bronzen dargestellt sind, die im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe zu sehen sind.

Bei manchen Ausgrabungen wurde diese Historie wie in einer geologischen Schichtung deutlich. In einzelnen Nuragen, festungsartigen Bauten des 10. bis 7. Jahrhunderts v. Chr., deren es auf der Insel zwischen 5000 bis 7000 gibt, und zwar in solchen, die von der Bevölkerung aus uns unbekannten Gründen wohl für geweiht gehalten wurden, fand man Steinbeile, frühe sardische Bronzen, Karthagische Krüge mit Münzen aus Elektron mit dem Bild des Palmbaums, römische Gläser, Gewandspangen der Völkerwanderungszeit, sowie Goldmünzen der sächsischen und staufischen Kaiser.

Der Nurage, „in seiner Gestalt einem umgestürzten Eimer vergleichbar, ist aus gewaltigen polygonalen oder rechteckigen Blöcken errichtet, in megalithischer oder, wie die Antiken sie zu nennen pflegten, zyklopischer Bauweise.“ Zweifellos hatten diese Bauten militärischen Charakter, waren Wachtürme und „Fluchtburg für die Familien und Herden des Stammesoberhauptes.“

Aus dieser Zeit der Nuragen-Kultur von 1000 bis 500 v. Chr. stammen die ausgestellten Bronzen. Niemand, der sie zum ersten Male sieht, könnte ihren mittelmeerischen Charakter verkennen. Gewissermaßen zur Deutung dieser Zusammenhänge in der damals bekannten Welt, der der Anlieger des Mittelmeeres, ist auch ein weibliches Idol aus Marmor – wir würden heute sagen eine sehr „abstrakte“ Plastik – ausgestellt, das aus der Kupfer-Bronzezeit (1500 bis 1000 v. Chr.) stammt. Solche Idole hat man auf den Zykladen, aber auch auf Cypern und im Südteil der arabia felix, dem heutigen Yemen, gefunden. Sie waren Erzeugnisse einer gemeinsamen Mittelmeerkultur, die Völker verschiedenster Rasse umfaßte – was sich nach dieser Frühzeit erst in der Spätzeit des Römischen Reiches wiederholte.

Wie weit gespannt die Handelsbeziehungen, aber auch die kriegerischen Verzahnungen gerade der Sarden zur Zeit der Nuragen-Kultur gewesen sein müssen, zeigt die ausgestellte Kleinplastik deutlich. Da sind Gewänder – bei Bogenschützen etwa –, die die Kenntnis mesopotamischer Trachten voraussetzen und sich durch ihren orientalischen Charakter von aller sonstigen Gewandung abheben. Auch gibt es eine historische Tradition auf Grund babylonischer und ägyptischer Quellen, daß die Sarden mit anderen Völkern zusammen Ägypten von der See her bedroht haben. Das war eine Zeit, in der auch in Griechenland die Könige von Tyrins und Argos nicht viel mehr als Seeräuberhäuptlinge waren. Gewiß waren sie dank ihrer engen Verbindung mit Kreta bereits städtischer und differenzierter in ihrer Kultur, aber die kleinen Könige aus Sardinien mit ihren Hirten, Bauern, Jägern und Kriegern und einer wohlausgerüsteten Flotte varen auch nicht zu verachtende Bundesgenossen.