Von Ortrud Stumpfe

Schillers 150. Todestag (am 9. Mai) ist Anlaß zur Proklamation eines „Schillerjahres“ geworden – und damit zum Anlaß, Schillers Bedeutung für unsere Zeit zu erkennen.

Der Heuchler, Octavio Piccolomini, was wollte er? Selbst zum Fürsten werden, dem kometenhaft in den Raum aufsprühenden Wallenstein den Titel nehmen? Er hat es vielleicht nicht wach gewollt, aber in allen Fasern gefühlt, Sekurität gesucht, den sicheren Weg, den geordneten, den durch Grünspan gewährleisteten. Das letzte Wort des Schauspiels ist ein Brief des Kaisers; der Mordlohn der Rangerhöhung: „dem Fürsten Piccolomini“. Um ihn verwesen die Leichen, ausgerottet ist, was vor Stunden noch atmete und strebte – wie ähnlich ist dies alles dem Schlußbild des Nibelungenepos mit dem blutdampfenden, todöden Haus, Etzels Halle. Und doch blieb dort neben Etzel immerhin noch Dietrich von Bern, der christliche Held. An Wallensteins Ende aber bleibt nur mehr Oktavio, der Mörder aus Ordnungsliebe, Der Gemordete: ein Irrender; der Mörder: ein Selbstgerechter; die Mitgemordeten: die Sühneopfer, Thekla und Max, zu jung zum Wegefinden, zu rein zum Lügen. Ferner fielen: die mithandelnde Gräfin, Terzky und Illo, Wallensteins Frau. Das sind so Szenerien deutscher Geschichte, von der Nibelungenhalle bis zum Bunker der Reichskanzlei über die Gaskammern und die vom ausgedüngten Knochenmehl dampfenden Felder um Auschwitz.

Genauer gesagt: es ist der eine Teil der Szenarien, klar daneben steht der andere, konstruktive Teil, Szenarien schöpferischer Ordnungsgestalt und strahlenden Verschmelzens von Herz und Geist; von der karolingischen Reichsgründung (der Lebensform des mittelalterlichen Europa, aus der die Nationalstaaten herausreiften wie Früchte vom Baum) bis zur Übertragung des Reiches in den geistigen Raum der großen Einzelleistungen, die von Eckart und Albertus Magnus über Kopernikus zu Bach und Mozart, Goethe und Schiller reichen. Das Politische zerstört sich immer wieder selbst im deutschen Bereich, es verlockt sich dort zum rauschhaften Selbstzwecksein, zwischen Macht und Geist pendelt das hin und her, solange es sich nicht ganz auf das Herz verläßt.

Im Mittelalter stellte Wolfram von Eschenbach die Parzivalforderung den Nibelungen gegenüber; in der Neuzeit stellte Schiller gegen den Zeitsog das Bewußtsein von der Entscheidungsmöglichkeit des einzelnen für das in ihm angelegte Gute.

Tausende von Oberlehrern (unberufene Berufene eines Berufs, der mit dem edelsten und explosivsten Material, dem kostbaren und gefährlichen Rohstoff Mensch arbeitet) haben 150 Jahre lang daran gearbeitet, die Wirkung der Erschütterung in den Seelen zu ersticken und „Pathos“ zu nennen, was entflammte Exaktheit war. „Laßt uns heller denken, so werden wir feuriger lieben“, Motto des jungen Schiller, war den sicherheitsliebenden Oktavianisten zuwider, das Denken wie das Lieben. Schiller aber, als Mediziner beginnend, als Philosoph und Historiker von den Fachgenossen als aufgehendes Licht begrüßt, als Dichter und Lehrer sich kondensierend: „der Menschheit wünschen wir, einen ihrer Lehrer zu erhalten“, schrieben die dänischen Adligen, als sie dem kranken und arm dahinvegetierenden Schiller, der in seinem Universitätslehrstuhl nicht leben und nicht sterben konnte, jene Geldsumme schüchtern schenkten, die sein Leben rettete. Als Schiller in den „Briefen über ästhetische Erziehung“ das Wesen des Menschen definierte als Möglichkeit zur moralischen Phantasie, als zwischen Triebdrang und Denklogik freigesetzt, hatte er das Motto zur schöpferischen Gestaltung gegeben, das dem Problem unserer Epoche antwortet, und um das von Kierkegaard bis Sartre alle Reflexion kreiste. Der dem Menschen zugeordnete „Abgrund der Freiheit“ ist begehbar, heißt das Motto, begehbar und zu bahnen aber nur von den einzelnen und als einzelne, und nur was sie vorleben, kann die aus den alten Schulen frommer Frühzeiten (aus Kirchen- und Staatstraditionen) entlassenen Vielen nachziehen.

Schiller sah die Menschen als Ganzes in einer Bewußtseinsentwicklung begriffen und nun eingetreten in den Moment, wo ihr zwischen Macht und Freiheit die Waage in die eigene Hand gegeben war. Dies Zentralproblem des Menschen zu beschreiben und zu erhellen, sah er als die einzige Aufgabe der Deutschen an, hier wirkten sie für die Menschheit: aber nur solange und insofern sie kein Gran politische Machttendenz in sich aufquellen ließen. („Das ist nicht des Deutschen Größe, obzusiegen mit dem Schwerte; in das Geisterreich zu dringen, Vorurteile zu besiegen, nämlich mit dem Wahn zu kriegen, das ist seines Eifers wert.“) „Deutschland? aber wo liegt es? wo das politische beginnt, hört das gelehrte gleich auf.“