Warum schickt Moskau gerade jetzt den General Schörner nach Deutschland, und warum hält es ihn nicht wie Paulus, den Oberbefehlshaber von Stalingrad, als seinen Quasi-Gefangenen in der Sowjetzone? Man hat nicht gehört, daß der Kreml seine Meinung über die hitlerschen Generale, die er allesamt als Kriegsverbrecher verurteilt, geändert hätte. Im Schwarzbuch der Sowjetzonen-Regierung ist den Speidel und Heusinger, den Kielmansegg und Baudissin vom Amte Blank das Urteil gesprochen, sie sind verdammenswerte Kriegsverbrecher. Von den Generalen und Stabsoffizieren der Wehrmacht, die schon seit Jahren in der Sowjetzone geheime und offene Dienste für die sowjetische Aufrüstung tun, wird in dieser Schrift ebensowenig Notiz genommen wie etwa von den Aufgaben und Funktionen des Feldmarschalls Schörner.

Dieser aber war im Gegensatz zu so vielen Offizieren wirklich Hitlers totalem Wahnsinn ganz ergeben. Die Russen haben auf der Straße ihres Marsches nach Deutschland manchen Deutschen liegen sehen, der ein Opfer der Erschießungsbefehle Schörners geworden war. Vielleicht witterten sie Verwandtschaft in jenem barbarischen Denken, mit dem Schörner in den Wochen der Auflösung die Widerstrebenden zertrat und zertreten ließ. In Deutschland jedenfalls war man erstaunt, zu hören, daß Schörner nun von den Sowjets entlassen worden sei. Noch mehr wunderte man sich, als man Schörners ersten Bericht vernahm, der die gute und loyale Behandlung im sowjetischen Gewahrsam lobte.

Welch anderer Heimkehrer hätte im übrigen eine solche Auskunft mitbringen können wie die, daß der Oberst Kusnezow – nach Schörners Angaben der Chef des Kriegsgefangenenwesens in der UdSSR – die Rückkehr aller noch in der Sowjetunion festgehaltenen Kriegsgefangenen angekündigt habe? Man muß annehmen, daß Schörner den Auftrag hatte, dies mitzuteilen: Es muß weiter vermutet werden, daß Sdiörner, wenn ausgerechnet ihm eine solche Mitteilung nach Deutschland mitgegeben wird, sogar mit einer leitenden Funktion von den Russen bedacht worden war.

Zur gleichen Zeit, da Schörner aus Moskau in die Bundesrepublik entlassen wurde, lud Paulus eine große Anzahl ehemaliger Offiziere zu einem „Erfahrungsaustausch“ in die Sowjetzone ein. Beide spielen nun im Endkampf um die Pariser Verträge eine sowjetische Rolle. Beide, Paulus und Schörner, erhielten von Hitler den Marschallstab, als für sie und Deutschland bereits alles entschieden war: Paulus, als die Russen zu ihm kamen, um ihn auf den Trümmern Stalingrads nach der Opferung von dreihunderttausend Deutschen gefangen zu nehmen – und Schörner am 20. April 1945, als er sich schon anschickte, Zivil anzuziehen und nach Westen unterzutauchen. Paulus ist seit über einem Jahr wieder in Deutschland. Er blieb aber im sowjetischen Gewahrsam auf dem Weißen Hirsch zu Dresden. Schörner wird von den Sowjets jetzt nach München in die Bundesrepublik geschickt, damit er in der Auseinandersetzung um die Pariser Verträge als vertiertes Beispiel des Militarismus abschreckend wirken möge.

Paulus, der zum Befehlshaber der größten deutschen Niederlage im zweiten Weltkrieg geworden war, schillerte immer zwielichtig. Dem eleganten Chef der 6. Armee schien wegen seiner besonderen Geschmeidigkeit die Sonne Hitlers. Im deutschen Offizierskorps aber hatte er weder gestern eine führende Stimme, noch hat er sie durch seine undurchsichtige Nachkriegsentwicklung heute bekommen.

Eine um so stärkere Reaktion aber hat Hitlers zuletzt ernannter Feldmarschall Schörner zu erwarten. Molotow hat sich nicht geirrt: die Sowjets mußten voraussehen, daß man Schörner in der Bundesrepublik ein düsteres Willkommen bereiten würde. Den Gegnern der Wiederbewaffnung erscheint der General mit dem schlechten Namen als ein Ausbund des Militarismus. Die Befürworter der Wiederbewaffnung aber haben allen Grund, sich so kräftig wie möglich von ihm zu distanzieren. Soldaten- und Heimkehrerverbände haben das auch schon mit Emphase getan. Der Ruf nach dem Staatsanwalt ist laut erklungen. Wenn Schörner gut beraten ist, dann stellt er sich außerhalb der Bundesrepublik wieder unter sowjetischen Schutz. Aus Ostberlin hört man schon, in Schörner habe die Sowjetunion nun nach so vielen Blindgängern ihre Wunderwaffe abgeschossen. Sie hat daneben getroffen. Das zeigt der Abscheu, mit dem Gegner und Freunde der Wiederbewaffnung gleichermaßen seine Rückkehr aufgenommen haben. Doch auch die Militärs, die Paulus umwerben will, sollten recht vorsichtig sein und sich sehr genau ansehen, was Paulus war und was aus ihm geworden ist.

K. W. B.