Die hinter uns liegende Jahreswende, die zahlreiche Industriewerke zur Herausgabe Verstärker Werkszeitschriften veranlaßt hatte, wirft die Frage auf, ob die Werkszeitschrift ihr eigentliches Aufgabengebiet nicht zu verlassen beginnt und sich in ihrer Publizistik auf Gebiete erstreckt, die ihr nicht so ohne weiteres zustehen dürften. Die Werkszeitschrift hat ein Bindeglied zwischen Werksführung, Betriebsrat und der Masse der Belegschaften und umgekehrt als Sprachrohr der Belegschaften ein Brückenschlag zur Gesellschaftsführung zu sein. Es ist also unnötig, wenn diese Organe danach streben, Neuigkeiten zu bringen, Nachrichten zu erjagen oder gar sensationell wirken zu wollen. Damit wird dieses Zeitschriftengenre seiner Aufgabe entfremdet.

In der zweiten Hälfte Dezember trudelten auf den Redaktionstischen der großen deutschen Zeitungen Dutzende von Werkszeitschriften ein. Sie hatten teilweise einen Umfang bis zu 48 und mehr Seiten. In mehreren dieser Werkszeitschriften waren auch „Mitteilungen“ enthalten, die da nicht hineingehören und keinesfalls zuerst in diesem internen Organ, das ja ein Kontaktmittel zwischen Betriebsführung und Belegschaft sein soll, veröffentlicht werden sollten. Wir haben an einigen krassen Beispielen durch Rückfrage festgestellt, daß derart publizierte Zahlen über den Wert- oder Mengenumsatz in 1954, über Produktions- oder Investitionspläne und -abläufe, über Neuerrichtungen von Betriebsteilen u. ä. m., ja sogar Mitteilungen über die Ertragslage des Jahres 1954 in Werkszeitschriften standen, ehe sie dem Gesamtvorstand oder gar dem Gesamtaufsichtsrat bekannt waren. Sie sind aus einzelnen Betriebsabteilungen an die Werkszeitschrift offenbar in der Absicht weitergeleitet worden, „auch etwas Neues, etwas Sensationelles, kurz: etwas zu bringen, mit dem man zitiert wird“.

Wir sind der Auffassung, daß Zahlen des Geschäftsablaufes, Zahlen der Finanzpläne und der ertragswirtschaftlichen Berechnungen keinesfalls zu einem Zeitpunkt in die Werkszeitschrift gehören, an dem weder der Gesamtvorstand noch der Aufsichtsrat noch der Eigentümer, also der Aktionär, unterrichtet ist. Es ist nicht Aufgabe der Werkszeitschrift, die Publizitätsvorschriften des Aktiengesetzes zu umgehen oder zu mißachten. Daten des Geschäftsablaufes interessieren zunächst die Eigentümer und die von diesen berufenen Verwaltungsorgane. Erst nach Unterrichtung der Eigentümer (durch die Wirtschaftspresse) an Hand offizieller Mitteilungen der Verwaltungen hat, so meinen wir, die Werkszeitschrift die Berechtigung, auch ihrerseits in der ihr geeignet erscheinenden Form Mitteilung zu machen. Werkszeitschriften sollen nicht Ersatz für Geschäfts- und Bilanzberichte sein. Sie sollten auch solche Angaben nicht vorwegnehmen. Wir glauben, daß sich in Zukunft auf diesem Gebiet ein Ausgleich ergeben muß, weil eine allzu einseitige Ausgestaltung der Werkszeitschriften und ein Eindringen in die Aufgaben der Tages- und Wirtschaftspresse das sehr empfindsame Gebiet der wirtschaftlichen Publicity zu Lasten der Unternehmenswirtschaft verändern kann. W.-O. Reichelt