e. z., Aventoft

Das am 4. Dezember 1954 vermählte Paar Mailand-Jensen in Rosenkranz an der deutschdänischen Grenze hat noch keine gemeinsame Bleibe. Wenn Jensen zu seiner Frau fährt, so braucht er dazu mit dem Fahrrad zehn Minuten. Will aber Frau Jensen ihren Mann besuchen, so muß sie eine halbe Tagesreise auf sich nehmen. (Hin und zurück 70 km, Fahrkosten sieben Mark.) Hunderten von Einwohnern der umliegenden Ortschaften geht es ähnlich, wenn sie einen Schwager, Onkel oder eine Tante besuchen wollen. Sie wohnen nämlich an der „Ulkigsten Grenze der Welt“, wie ausländische Reiseprospekte den deutsch-dänischen Grenzort Rosenkranz-Rudböl bezeichnen.

Die deutsch-dänische Grenze wurde 1920 von einer Völkerbundskommission festgelegt. Der japanische Kommissionsvorsitzende, der das westliche Stück bearbeitete, nahm seine Aufgabe sehr genau. Fast jedem Bauern wurde der Wunsch nach seinem Vaterland erfüllt. So zieht sich heute die Grenze mitten durch den Ort, geht um einige Höfe herum und teilt die drei Meter breite Dorfstraße auf einer Strecke von 200 Metern in der Mitte entzwei. Jedes Fahrzeug befindet sich also notgedrungen mit. einem Rad in Dänemark und dem anderen in Deutschland. Das südlichste Stück der Reichsgrenze Dänemarks weist die beachtliche Länge von 2,47 Meter auf. Nur der Wunsch des Straßenwärters Jens Ipsen, in Deutschland zu verbleiben, aber seine Schwiegermutter im Ausland untergebracht zu wissen, konnte trotz ernsthafter Bemühungen nicht erfüllt werden. So nahm er später diese staatspolitische Trennung selbst vor. Er verlegte seinen Wohnsitz um einige hundert Meter ans andere Dorfende auf die deutsche Seite.

Der Verkehr mit dem sogenannten kleinen Grenzpaß ist erlaubt. Diesen bekommt aber nur, wer Verwandte ersten Grades auf der anderen Seite hat. Von den etwa 250 Einwohnern des deutschen Teiles haben 26 diesen kleinen Grenzpaß. Alle übrigen müssen, wenn sie beispielsweise zu ihrer Schwägerin auf der anderen Straßenseite wollen, mit ihrem normalen Reisepaß zum Grenzübergang Böglum bei Süderlügum fahren und von dort auf der dänischen Seite zurück, das ist ein Weg von etwa 35 km. Dabei wurde im vergangenen Jahr der Bevölkerung sehr deutlich gezeigt, wie es auch anders geht. Um den Touristenstrom nach Deutschland im Sommer nicht zu hemmen, war die Bundesregierung mit Kopenhagen übereingekommen, die Grenze während der Saison für den normalen Reiseverkehr zu öffnen, wie das bis zum Kriege immer der Fall gewesen war. Rosenkranz wurde zur Attraktion. Reisende machten sich ihren Spaß mit deutscher Genauigkeit: Von dem direkt auf der Grenze stehenden deutschen Gasthof konnte man auf der dänischen Seite einen billigen deutschen Punsch erhalten, der auf einem Tablett serviert wurde, das, an eine lange Stange genagelt, durch das Fenster über die Grenze geschoben wurde. Wollte man aber durch die Tür in den „Grenzkrug“, so bedurfte es eines Stempels im Paß. Hoher Besuch aus Bonn, dessen man sich im Dorf nur mit der legendär gewordenen Bezeichnung „Herr Ministerialdirektor“ erinnert, stellte schließlich fest, daß der dänische Grenzbaum über die ganze Straße ragte, obgleich diese doch an dieser Stelle zur Hälfte deutsch war. Es gab einen diplomatischen Schriftwechsel mit Kopenhagen. Zu einem auf die Minute festgesetzten Termin mußten vom Schlagbaum 1,50 Meter abgesägt werden. Als Denkmal bürokratischer Genauigkeit steht dieses Fragment noch heute.

Am Ende der Saison wurde der normale Grenzverkehr wieder eingestellt. Heute sieht es wieder so aus, daß der Bürgermeister von Rosenkranz, Christian Nielsen, seine Schwester am anderen Dorfende auf dem kürzesten Wege aufsuchen kann. Auch seine Frau kann das. Aber sein Sohn, der über sechzehn Jahre zählt und folglich einen eigenen Paß braucht, kann es nicht, weil er mit seiner Verwandtschaft nicht im ersten Grade verwandt ist. Er muß eine Reise von 70 Kilometern unternehmen; und so geht es vielen anderen.

Bürgermeister Nielsen sagt dazu: „Als die Touristen kamen, die viel Geld und Devisen ins Land brachten, konnte die Grenze geöffnet werden. Aber alle Eingaben der Bevölkerung auch für sie außer der Saison diese Erleichterung beizubehalten, blieben bisher ohne Erfolg. An uns gewöhnlichen Staatsbürgern ist ja auch nichts zu verdienen. Es wäre nur eine Sache des guten Willens. Mehrkosten würden nicht verursacht.“