Die Unruhe und Nervosität der Öffentlichkeit wegen der Ereignisse um Formosa sind hervorgerufen durch unvollständige oder unrichtig wiedergegebene Meldungen, aus denen übereilte Schlüsse gezogen worden sind. So ist eine Atmosphäre der Besorgnis wegen eines unmittelbar bevorstehenden amerikanisch-chinesischen Krieges hervorgerufen worden. Ja, manche befürchteten sogar den Ausbruch eines mit Atomwaffen geführten dritten Weltkrieges. Unter diesen Umständen ist es nötig, einmal die tatsächlichen Äußerungen und Maßnahmen Eisenhowers, zu untersuchen, um auf Grund einer solchen Analyse erkennen zu können, was der Präsident wirklich will.

Der Wortlaut seiner Botschaft an den amerikanischen Kongreß vom 24. Januar ist der Schlüssel zu der gesamten Situation. Der Präsident stellt an den Anfang seiner Botschaft die Feststellung, daß seit Beendigung der Feindseligkeiten mit Japan im Jahre 1945 „Formosa und die Pescadores sich in den Händen unserer loyalen Bundesgenossen, der RepublikChina, befinden. In Händen eines Feindes würden Formosa und die Pescadores das bestehende, wenn auch labile Gleichgewicht der moralischen, wirtschaftlichen und militärischen Kräfte, von denen der Frieden im Pazifik abhängt, gefährlich stören. Ein solcher Zustand würde die Kette der Inseln im westlichen Pazifik, die das geographische Rückgrat für die Sicherheitsstruktur in diesem Weltmeer bildet, zerreißen. Formosa und die Pescadores dürfen daher nicht von den aggressiven kommunistischen Kräften kontrolliert werden“. Aus diesem Grund stehe, so sagte der Präsident, seit dem Ausbruch des Korea-Krieges die siebente Flotte auf Wache in der Formosastraße, werde die nationalchinesische Regierung auf Formosa militärisch und wirtschaftlich von den Vereinigten Staaten unterstützt und deshalb sei auch der rein defensive Militärpakt zwischen den USA und der nationalchinesischen Regierung geschlossen worden.

Immer wieder unterstreicht der Präsident, daß es ihm um die Sicherung Formosas und der Pescadores geht, die er auf Grund von provokatorischen politischen und militärischen Maßnahmen der chinesischen Volksrepublik in steigendem Maße bedroht sieht. Eisenhower nennt in diesem Zusammenhang die im September 1954 erfolgte Beschießung der Insel Quemoy, die sich ständig steigernden Luftangriffe auf andere küstennahe, von den Nationalchinesen besetzte Inseln und schließlich die Eroberung der Insel Ischiang, wobei er abschließend zu folgender Feststellung gelangt: „Die chinesischen Kommunisten selber behaupten, daß diese Angriffe ein Vorspiel zur Eroberung Formosas sind. Radio Peking erklärte nach dem Fall von Ischiang, die Eroberung dieser Insel beweise den entschiedenen Willen der chinesischen Volksrepublik, für die Befreiung Formosas zu kämpfen. Das chinesische Volk werde alle seine Kräfte einsetzen, um diese Aufgaben zu erfüllen.“ Offenbar hat Präsident Eisenhower aus taktischen Gründen den offiziellen und inoffiziellen Äußerungen Pekings über den „entschlossenen Willen zur Eroberung Formosas“ eine größere Bedeutung zugemessen, als ihnen in Wirklichkeit zukommt. Es gibt keine internationale militärische Autorität, die eine erfolgreiche chinesische Invasion auf Formosa gegen den entschlossenen Widerstand der amerikanischen Streitkräfte für möglich hält. Je geringer aber die Aussichten sind, um so lauter werden die Versicherungen Pekings, daß die Invasion dennoch durchgeführt werde.

Auf der anderen Seite ist es eine ebenso feststehende militärische Tatsache, daß Tschiang Kaischeks Streitkräfte ohne aktive Unterstützung durch alle Teile der amerikanischen Wehrmacht einen erfolgversprechenden Angriff auf das chinesische Festland nicht ausführen können. In einer Sitzung der „Vereinigten Chefs der Wehrmachtsteile“ mit dem Senatsausschuß für Auswärtige Angelegenheiten antwortete Admiral Radford auf die Frage eines Senators, ob der Besitz der Insel Quemoy für die Verteidigung von Formosa erforderlich sei, mit den Worten: „Nicht unbedingt!“ Daraus läßt sich erkennen, daß das, was bisher von Eisenhower auf militärischem Gebiet unternommen wurde, rein defensiver Art ist. Auch die angekündigte Räumung der Tachen-Inseln unter dem Schutz amerikanischer See- und Luftstreitkräfte mit Hilfe amerikanischer Transporter ist ein deutlicher Beweis dafür, daß Eisenhower keine offensiven Absichten hat. Die von Eisenhower befohlenen militärischen Maßnahmen, wie Zusammenziehung eines großen Flugzeugträger-Verbandes, Massierung starker Luftwaffenverbände und Entsendung von Kreuzern und Zerstörern, sind nicht nur zum Schutz des nationalchinesischen Verbündeten bei einer Räumung der küstennahen Inseln erforderlich, sie sollen auch unterstreichen, daß es den Vereinigten Staaten bitter ernst ist mit dem „bis hierher und nicht weiter“.

In Peking wissen die Regierenden jetzt genau, woran sie sind. Washington hat, dank der Erklärungen Eisenhowers, endlich wieder eine China-Politik entwickelt. Peking kann eine Räumung aller küstennahen Inseln erreichen, wenn man dort vernünftig genug ist, auf die von vornherein zum Scheitern verurteilten Angriffsabsichten auf die Pescadores und Formosa zu verzichten. Damit wäre dann das erreicht, was Eisenhower wirklich will: die Schaffung einer Sicherheits one als Garantie für einen Waffenstillstand auch in diesem Gebiet des Fernen Ostens. Ernst Krüger