s. l., Berlin

Das Ostberliner Stadtbezirksgericht Pankow verurteilte zwei Ostberliner zu Zuchthausstrafen von drei und vier Jahren und einen dritten zu zehnmonatiger Gefängnisstrafe. Den Verurteilten wurde der „nicht genehmigte Verkauf von Wasserflöhen von Ost- nach Westberlin, als Verstoß gegen die Verordnung zum Schutze des innerdeutschen Handels“ zur Last gelegt. Der Wert der im Ostsektor „erworbenen“ und nach Westberlin verschobenen Wasserflöhe, die dort westlichen Zierfischen zugute kamen, wurde mit 8700 DM (Ost) angegeben.

Diese auffallend harte Strafe steht im Zusammenhang mit der gesteigerten Aufmerksamkeit, die die Ostberliner Behörden seit einiger Zeit Ulf den Geld- und Güterverkehr über die Berliner Sektorengrenze richten. Am 20. Dezember erließ der Ostberliner Magistrat eine Anordnung, die Ausgabe von Speisen und Getränken in HO-Gaststätten nur noch gegen Vorlage des Sowjetzonen – Personalausweises gestattet und westliche Besucher zur Bezahlung in Westmark im Verhältnis 1 : 1 verpflichtete. Diese Maßnahme sollte „Schiebern und Spekulanten das Handwerk legen“, und alsbald räumte die Ostpresse täglich einer sensationellen „Enthüllung“ Platz ein, in der von verschobenen Eiern, Gänsen und optischen Geräten berichtet wurde. –

Man darf annehmen, daß die in diesen Berichten genannten Tatsachen – von ihrer Konzentration im den Zeitpunkt der neuen Anordnung abgesehen – zum größten Teil auf Wahrheit beruhen. Man bat denn auch in Westberlin diese Verfügung nicht eben ungern gesehen, was sich nur von wenigen Maßnahmen im Ostberliner Machtbereich sagen läßt. Denn das schwer kontrollierbare Fluktuieren von Geld und Ware über die Grenzen ist den Westberliner Behörden ebenso unangenehm wie denen in Ostberlin, wenn es dieses freilich auch weitaus empfindlicher trifft. So hat man sich im Osten mit der neuen Sperrmaßnahme auch noch nicht zufrieden gegeben. Zum Jahresende druckten alle Ostberliner Zeitungen in kaum überraschender Einmütigkeit Leserbriefe, in denen die Anordnung nicht nur begrüßt, sondern ihre Verschärfung und Erweiterung gefordert wird. Die Einkaufsberechtigung der Westberliner, die im Ostsektor arbeiten (und folglich in Ostmark bezahlt werden), müsse beschränkt werden, vor allem aber müsse man den Einkauf von Ostberlinern in Westberlin verhindern; man könne nicht dulden, heißt es, daß „unser gutes Geld“ Westberliner Agentenzentralen finanziert. In mehreren Briefen wird die Errichtung einer freiwilligen Arbeiterkontrolle vor Geschäften und an der Sektorengrenze vorgeschlagen.

Daß diese Briefe dirigiert, vielleicht auch fingiert sind, wird jedem klar, der am gleichen Tage die gleichen Briefe in sämtlichen Zeitungen auftauchen sieht, wobei teils die jeweilige Redaktion, teils der Magistrat als Adressat figuriert; mitunter gibt es sogar leichte orthographische Variationen bei den Absendernamen. Ein Zweck der gelenkten Kampagne hat auch bereits sein Ziel erreicht: mit dem 1. Januar trat eine „Durchführungsbestimmung zur Verordnung zur Verhinderung der Spekulationen mit Lebensmitteln und Industriewaren vom 27. November 1952“ in Kraft, die die Einführung eines neuen Betriebsausweises für in Ostberlin arbeitende Westberliner vorsieht. Dieser Ausweis berechtigt nur in Höhe einer bestimmten Summe zum Einkauf, und zwar soll diese Summe etwa. dem Ostmarkbetrage entsprechen, der dem Westberliner nach erfolgtem Lohnumtausch verbleibt. Damit kann zwar das „wilde“ Einkaufen im Ostsektor verhindert werden. Die weitergehenden Forderungen auf eine wirksame Kontrolle der nach Westberlin abfließenden Ostmarkbeträge, deren Höhe mitbestimmend ist für die tägliche Festsetzung des Wechselkurses, ist indessen kaum zu verwirklichen, es sei denn, man wolle die Grenzen hermetisch schließen. Eine solche Maßnahme aber würde Ostksektor selbst empfindlich treffen, dessen in immer vorhandene Privatbetriebe auf den ist schweigend geduldeten Einkauf von Rohstof und Ersatzteilen in Westberlin angewiesen sind, ist kaum anzunehmen, daß eine rigorose Gre absperrung ernstlich beabsichtigt ist; eher zie wohl die dirigierten Drohungen auf Erregung Unsicherheit und Panik in Westberlin.