Von einer Besichtigungsfahrt, die in das Gebiet der neuen Zuidersee-Polder führte, bezeichnen deutsche Teilnehmer als eines ihrer eindrucksvollsten Erlebnisse das Zusammentreffen mit einem Landarbeiter, der sich in vier Sprachen gewandt auszudrücken verstand, freimütig jede gewünschte Auskunft gab, und schließlich erklärte: es gäbe nichts Besseres, als hier Bauer zu sein... Wie begehrt selbst die Lohnarbeit dort ist, geht daraus hervor, daß für die jährlich im Polder-Gebiet neu entstehenden 100 bis 200 Landarbeiter-Mietwohnungen etwa 2000 Bewerbungen aus ganz Holland eingehen. Von einer Landflucht kann also da nicht die Rede sein, und ebensowenig von einer (materiellen oder ideellen) Unterbewertung der ländlichen Arbeit. – Und nun dazu das Gegenbeispiel: in einem niedersächsischen Dorfe wurden 42 landwirtschaftliche Arbeitskräfte gezählt, darunter 7 Verheiratete. Von den 35 Ledigen aber waren nur 5 „reguläre“ Kräfte; 10 waren Heimatvertriebene oder politische Flüchtlinge (darunter 1 Ausländer), 2 über 50 Jahre alt, 2 Vorbestrafte, 14 Fürsorgezöglinge, 2 geistig Unzurechnungsfähige ... Das einzig Positive, das aus diesen Zahlen abgelesen werden könnte, wäre die Tatsache, daß der Bauernhof sich für Menschen, die ein unglückliches Schicksal zu tragen haben, insoweit als Zufluchtsort erweist, wenn auch meist nur vorübergehend, im Sinne einer „Durchgangsstation“. Daß diese Situation für den bäuerlichen Betrieb ebenso belastend ist, wie – vom sozialen Gesamtbild her gesehen – menschlich unbefriedigend, darüber bedarf es wohl keines weiteren Wortes. Die Frage, wie hier Abhilfe geschaffen werden kann, läßt sich natürlich, nur dann beantworten, wenn zuvor Klarheit darüber gegeben ist, wie es zu dieser „Herunterklassifizierung“ der ländlichen Arbeit überhaupt (und speziell der Lohnarbeit) bei uns gekommen ist. Der ganze Komplex, um den es da geht, ist in vorbildlicher Weise, ebenso sachkundig wie „unbefangen“, das heißt in selbständiger gedanklicher Arbeit, ohne Zuhilfenahme der leider hier üblichen Begriffsklischees und Schlagworte, behandelt in dem Buch von:

Hermann Priebe: „Wer wird die Scheunen füllen?“ (Sozialprobleme der deutschen Landwirtschaft, 320 S., 12,80 DM, Econ-Verlag, Düsseldorf.

Von dem Autor ist zu sagen, daß er aus der besten Schule herstammt, die es für die landwirtschaftliche Betriebslehre in Deutschland je gegeben hat (und der auch – nach Schmalenbachs Worten – die Betriebswissenschaft der gewerblichen Unternehmungen wesentliche Einsichten und Erkenntnisse verdankt).

Priebe, mittlerweile Professor in Gießen, war lange Jahre als Wirtschaftsberater bäuerlicher Betriebe tätig; er hat darüber hinaus auf Studienreisen sehr klare Einsichten in die Betriebsstruktur der bäuerlichen Wirtschaft Westdeutschlands gewonnen – was insofern besonders wichtig ist, als das (dem Fachmann geläufige) statistische Bild der Betriebsverhältnisse nicht nur unscharf, sondern ungenau, ja sogar effektiv falsch ist: insbesondere deshalb, weil (aus Gründen, die das Buch im einzelnen klarstellt) bei der statistischen Bestandsaufnahme die Kategorien „Kleineigentum“ und „Kleinbetrieb“ nicht hinreichend auseinanderzuhalten waren. Die Folge davon ist, daß die gesamte agrarpolitische Diskussion der letzten Jahre von der Zwangsvorstellung beherrscht wird, es sei eine übergroße Zahl von „nicht lebensfähigen“ Klein-, Kleinst- und Zwergbauernstellen vorhanden ... Hier schafft nun Priebe die erforderliche Klarheit, sowohl was die Nomenklatur und die Klassifizierung angeht, als auch durch eine realistische Beurteilung der faktischen Verhältnisse – wie etwa mit dem Hinweis: wenn man (wie üblich) die Arbeitsproduktivität des „durchschnittlichen“ kleinbäuerlichen Betriebes nach seinem Bruttoertrag je Kopf der Beschäftigten (die vielfach doch nur Halb- oder Viertelbeschäftigte sind!) errechne, so bleibe „auf dem Papier kaum noch ein Arbeitserfolg übrig, während ja doch in Wirklichkeit „draußen neue Häuser gebaut, Schlepper gekauft, neue Kleinstellen geschaffen werden“. Denn: „das Leben ist glücklicherweise stärker, und wer die Dinge vorurteilslos betrachtet, kann Beispiele genug dafür finden, daß sich Kleinbauern in ihrer Netto-Arbeitsproduktivität mit größeren, hochmechanisierten Betrieben durchaus messen können.“ Urteile dieser Art bedeuten nun aber keineswegs ein Bagatellisieren wirklicher sozialer und ökonomischer Notstände, wie sie sich wohl im bäuerlichen Familienbetrieb (und in den darüberliegenden Betriebsgrößenklassen) finden, als auch in der ihrer inneren Struktur nach sehr verschiedenartig zu bewertenden Schicht der Kleinbauern („Kuhbauern“) und jener „nicht-vollständigen Betriebe“, die entweder für die Eigenwirtschaft der Familie zu klein oder aber als Nebenerwerbswirtschaften („Feierabendbetriebe“) zu groß sind. Was in diesem Zusammenhang über das (in jeder Beziehung unzutreffende) Schlagwort von der „Landflucht“ gesagt wird, über den Bauernhof als „moderne Kleinunternehmung“, dessen Zukunft unter durchaus günstigen Aspekten steht, und schließlich über die sich jetzt anbahnende soziale Parität zwischen Stadt und Land: das ist sachlich so fundiert, logisch so schlüssig und aus einem solch respektablen Verantwortlichkeitsbewußtsein heraus hingestellt, daß die Fülle, Eigenständigkeit und Reife der gesamten Darstellung es wohl verdient, überall da beachtet zu werden, wo man sich Gedanken über die sozialen und ökonomischen Entwicklungs-