Die Montanwirtschaft der Bundesrepublik darf sich nicht wundern, wenn die Öffentlichkeit aber sie die Stirn runzelt. Die jüngsten Bekanntmachungen über Erhöhungen der Preise für Kohle und Koks, Schrott, Siemens-Martin-Stähle und die Forderungen nach einer neuerlichen massiven Lohnerhöhung im Bergbau über 12 v. H. sind alles andere als beruhigend. Sicherlich wäre es falsch, diese Preiskorrekturen als Krisenzeichen zu bewachten. Im Gegenteil: sie sind im Grunde genommen nur der Ausdruck einer sich weiter ausdehnenden Konjunkturwelle und gehören zu den Wachstumsschmerzen steigender Industrieproduktion und sich mehrenden Sozialproduktes.

Aber dennoch ist es nun einmal so, daß Kohle- und Stahlpreise immer unter dem Odium politischer Meinungskämpfe stehen und daß geringste Änderungen – zumindest auf die Gemüter – lawinenartig wirken. Wir bestreiten nicht die innere Notwendigkeit, jene Korrekturen vorgenommen zu haben, soweit es die Preise bei Kohle und Stahl angeht. Wir bestreiten aber die innere Notwendigkeit der weitgehenden Lohnforderung der IG Bergtau und in noch viel stärkerem Maße die marktbedingte Notwendigkeit der Schrottpreisentwicklung. Bezüglich Schrott geht doch sogar der Fachmann mit dem gesunden Instinkt des kleinen Mannes vollends einig. Hier gibt es nur ein Wort, im die Lage zu kennzeichnen, und das heißt: Spekulation.

Die an der Schrottpreisgestaltung beteiligten Preise sollten sich sehr vorsehen, daß ihnen nicht die freie Betätigung von Staats wegen oder kraft Beschluß der Hohen Behörde auf das äußerste eingeschränkt wird, weil sie erneut bewiesen haben, daß ihnen die freie Betätigung nicht gut bekommt. Die Erhöhung der Stahlpreise für Siemens-Martin-Qualitäten ist praktisch eine unmittelbare Folge der spekulativen Schrottpreisentwicklung. An dieser Entwicklung ist sowohl der Schrottverkäufer, also der industrielle Stahlverbraucher, wie der Schrottaufkäufer beteiligt.

In den letzten Jahren ist wiederholt die kontinuierliche Preispolitik der montanen Industrie vom Schrottmarkt her unter Druck gesetzt worden. Das ist nicht gesund. Wenn nicht Selbstdisziplin hilft, werden eines Tages andere und harte Mittel notwendig werden. Die Geduld der übrigen Wirtschaft ist jedenfalls bereits aufs äußerste in Anspruch genommen. Es sollte sich beim Schrott niemand wundern, wenn eines Tages „die Scheiben klirren“. Jedenfalls hat nach unserer Meinung die Schrottwirtschaft den geringsten Anspruch darauf, die mit Milliarden an Investitionssummen langsam und mühsam erreichten Produktivitätssteigerungen und Rentabilitätsbesserungen in der Grundstoffindustrie durch ihre egoistische Preistreiberei größtenteils für sich allein abzuschöpfen. Seit Jahren kennt man bei allen Stahlpreisgesprächen den schon monoton wirkenden Hinweis: „Wir müssen die Preise erhöhen, denn die steigenden Einstandskosten für Schrott, Kohle und Erz sprengen jede Kalkulation.“

Leider ist auch Kohle mit unter den treibenden Faktoren. Aber hier liegen besondere Verhältnisse vor, die nicht allein im Bergbau begründet sind. Der überdurchschnittlich lange festgehaltene Zwangspreis für Kohle hat die Relation im Gefüge der Grundstoffpreise zuungunsten der Kohle verlagert. Die Verteuerungen der letzten Jahre haben versucht, allzu harte Schäden wieder aufzuholen. Die Kohlenpreiserhöhung ist mit den aus einem neueren Enquete-Bericht der Hohen Behörde errechneten Durchschnitts-Unterbilanzen von 5 DM je t begründet worden. Da sich die Kohle in den letzten Wochen wieder in eine stärkere Marktposition heraufarbeiten konnte und in einigen Sorten sogar ausgesprochene Knappheitsmerkmale vorlagen, wäre eine kleine Preiserhöhung mit dem Hinweis auf die marktwirtschaftlichen Vorgänge ansprechbar gewesen. Die seinerzeitige Kohlenpreisermäßigung durch Verfügung der Hohen Behörde vom 1. April 1954 war auch mit dem Hinweis auf die damals flaue Marktsituation erfolgt. Wir sehen in der Kohlenpreiserhöhung, zumal das Ausmaß gering ist, keinen konjunkturellen Beinmich, sondern den Beginn eines marktwirtschaftlichen Anpassens, zu dessen Gesetzen es gehört, daß die Preise mal rauf-, mal runtergehen.

Wenig erfreulich finden wir dagegen jenen Zungenschlag, der neuerdings in der Industriewirtschaft wieder Mode wird und die gerade überwundene leichte Käuferpsychose der Winterwochen erneut aufpäppelt. Die Kohle kündigt an, daß bei scharfen Lohnerhöhungen weitere Preiserhöhungen folgen werden; die Stahlindustrie läßt mitteilen, daß in den jüngsten Preisanhebungen die gleichzeitig überraschend erfolgte Kohlenpreiserhöhung „natürlich“ noch nicht berücksichtigt sei, und die Arbeitnehmerorganisationen betonen, daß 1955 das Jahr neuer und massiver Lohnforderungen sein wird ...

Wir fürchten, daß sich das zuversichtliche Versprechen der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände vom Frühjahr 1954, nämlich dies zu tun, um die Rationalisierungsvorteile und das Produzieren in den optimalen Größen der Betriebsrechnungen dem Verbraucher durch Preissenkungen dienstbar zumachen, von der Preiskurbel ausgedreht werden wird. Es bleibt auch wenig Hoffnung, wenn es so weitergeht, daß sich die Hohe Behörde dem eigentlichen Ziel ihrer Tätigkeit nähern könnte, nämlich mehr und billiger zu produzieren, um den Lebensstandard der Montan-Unions-Völker zu heben. Es bleibt wirklich die Frage an die deutsche Industrie, wo nun eigentlich die Vorteile der voll laufenden Produktionen, der vieltausendfachen Modernisierungen und der höheren Einzelleistung der Schaffenden verschlissen werden. Durch Preissenkungen, was der Sinn wäre, sind jedenfalls bisher jene Vorteile kaum irgendwo sichtbar geworden – die Textil- und Automobilindustrie allerdings ausgenommen. Rlt.