E. A. G., Rotterdam, im Februar

Da sich Indonesien von seinem einstigen Mutterlande losgesagt hat und die Versuche der Holländer, wenigstens die wirtschaftlichen Bindungen fortbestehen zu lassen, nach Auflösung der holländisch-indonesischen Union endgültig gescheitert sind, wenden sich viele holländische Handelshäuser, deren Betätigungsfeld hauptsächlich in Indonesien lag, anderen Kontinenten zu. Zwar bestehen nach wie vor noch recht erhebliche holländische Kapitalinteressen in Indonesien. Sie stammen jedoch nur aus der Vorkriegszeit und bereiten der holländischen Privatwirtschaft angesichts der äußerst schwierigen Finanzlage der jungen Republik nicht geringe Sorgen, nicht nur wegen der Transferschwierigkeiten, sondern auch wegen der ziemlich drastischen Nationalisierungspolitik, die Jakarta betreibt. Hinzu kommt, daß unter der in Indonesien herrschenden Devisenknappheit vor allem die Einfuhr von Maschinen und Rohstoffen für die Industrie zu leiden hat, so daß die Auslandsgesellschaften ihre Betriebe einschränken oder gar völlig schließen müssen (Philips, General Motors).

Daß sich Holland nun besonders stark für Afrika interessiert, ist weiter nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, daß zwischen Holland und dem schwarzen Erdteil historische Bande bestehen. In früheren Jahrhunderten liefen die Schiffe der Ostindischen Compagnie regelmäßig die Goldküste und die Küsten Guineas und Angolas an. Aus dem einstigen Vorposten, den der Holländer Jan van Riebeeck auf dem Kap errichtete, entwickelte sich die heutige Südafrikanische Union, mit der sich Holland immer noch eng verbunden fühlt. Es gab auch schon vor dem Kriege einige hollindische Handelsgesellschaften und Banken in Afrika. Sie galten allerdings in den Augen derer, die sich in den ostindischen Kolonien betätigten, sozusagen als „Außenseiter“, Sie boten aber in den Nachkriegsjahren wertvolle Anknüpfungspunkte für den Ausbau weiterer Positionen.

Daß die holländischen Bemühungen in Afrika durchaus erfolgreich sind, geht schon aus der Entwicklung der Exportzahlen hervor. Während die holländische Ausfuhr nach dem schwarzen Kontinent vor dem Kriege etwa 40 Mill. hfl. betrug, eine Summe, die gewiß nicht sehr eindrucksvoll genannt werden kann, kletterten die Exportzahlen nach dem Kriege rasch in die Höhe: 1947 = 91 Mill., 1948 = 131 Mill., 1949 = 145 Mill., 1950 = 228 Mill., 1951 = 360 Mill., 1952 = 470 Mill. und 1953 = 482 Mill. hfl. Für etwa 230 Millionen hfl. nehmen holländische Waren ihren Weg aber auch über die kolonialen Mutterländer nach Afrika. Insgesamt handelt es sich also um jährliche Exportbeträge, die augenblicklich bei 700 Mill. hfl. liegen, wodurch Afrika für Holland innerhalb weniger Jahre zum größten Absatzmarkt außer Europa geworden ist.

Selbstverständlich ist Holland darauf bedacht, diese günstige Lage zu konsolidieren und nach Möglichkeit auszubauen. So gibt es augenblicklich über 50 holländische Niederlassungen von durchweg namhaften Firmen in Afrika: Allein in Kenya elf Niederlassungen und sieben Zweigstellen, in Nigerien sieben Niederlassungen mit einer großen Anzahl von Nebenstellen, in Tanganyika sechs Niederlassungen und drei Filialen, in Südafrika fünf Niederlassungen und fünf Zweigstellen, an der Goldküste fünf Niederlassungen und drei Filialen, in Belgisch-Kongo vier Niederlassungen und eine Anzahl von Zweigstellen, in Uganda drei Niederlassungen, in Mozambique drei Niederlassungen und zwei Filialen, in Marokko drei Niederlassungen, in Ägypten zwei Niederlassungen und eine Filiale, weiter je eine Niederlassung in Äthiopien, Liberien, Sierra Leone und Südrhodesien. Afrika erwies sich vor allem für typisch holländische Erzeugnisse, also für Molkereiprodukte, Saatkartoffeln und Textilwaren als aufnahmefähiger (wenn mitunter auch schwierig zu bearbeitender) Markt. Daneben treibt Holland in Afrika intensive Marktforschung sowie Werbung für seine technischen Erzeugnisse. Allerdings stößt Holland gerade auf diesem Gebiet auf eine ziemlich scharfe deutsche Konkurrenz. Nicht ganz ohne Neid stellen die Holländer fest, daß die deutsche Marktforschung in Afrika ausgezeichnet funktioniert und die deutschen Marktberichte nahezu lückenlos sind. Dies ist für die holländischen Außenstellen aber nur ein Ansporn zu noch größerer Rührigkeit. Dadurch entsteht ein Wettbewerb zwischen Holland und Deutschland auf afrikanischem Boden, der bei aller Schärfe doch die nötige Fairneß nicht vermissen läßt.

Eine wesentliche Rolle spielen in Afrika die holländischen Investitionen. Die Mittel, die sonst in Indonesien eingesetzt worden wären, kommen heute der wirtschaftlichen und industriellen Entwicklung Afrikas zugute. Soweit es sich um Hafenanlagen, Schiffe und u. a. Flugzeuge handelt, vollziehen sich diese Investitionen gewissermaßen „geräuschlos“. Andererseits schufen sich die holländischen Gesellschaften eine feste Position in der afrikanischen Wirtschaft dadurch, daß sie sich nicht auf den Import beschränkten, sondern auch den Export afrikanischer Rohstoffe, sowohl nach Holland wie nach anderen Weltteilen, zur Hand nahmen.

Im übrigen ist die wirtschaftliche Betätigung der Holländer in Afrika äußerst vielseitig. Neben Baugesellschaften findet man Fabriken für Textilwaren, Fässer, Regenkleidung, Drahtwaren, Töpferwaren, Farben, Schokolade, Kunstdünger. Verschiedene Gesellschaften befassen sich mit dem Einkauf von Wolle und Häuten. In Nigerien gelangte eine Margarinefabrik zur Blüte, während sich in Britisch West- und Ostafrika holländische Bierbrauereien niedergelasssen haben. Banken, Schiffsagenturen und Versicherungsgesellschaften haben gleichfalls ihr Arbeitsfeld nach Afrika verlegt. Wie weit die sonstigen Zukunftspläne der Holländer in bezug auf Afrika gehen, läßt sich schon daraus schließen, daß in Holland Lehrstühle für Eingeborenensprachen und -dialekte errichtet worden sind, während in Zusammenarbeit mit dem holländischen Afrikainstitut und Tropeninstitut Afrika-Anwärter ausgebildet und mit allen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Fragen des schwarzen Kontinents gründlich vertraut gemacht werden...