Es ist Sonnabend, der 8. Januar 1955. In Bremen klingelt ein Postbote an der Schwachhauser Heerstraße Nr. 222. Ein Eilbrief aus Bonn, Poppelsdorfer Allee Nr. 106, wird abgegeben. Hermann D. Krages empfängt ein dickes Schreiben seines Anwaltes Professor Dr. Meilicke, der ihn in den vergangenen Monaten bei verschiedenen Hauptversammlungen von Montan-Unternehmen vertreten hat und gegenwärtig für ihn eine Anfechtungsklage gegen die HV-Beschlüsse der Rheinische Stahlwerke AG, Essen, (nämlich die so schwierigen Neuordnungsvorgänge abzuschließen und nun mit dem eigentlichen Wiederaufbau zu beginnen) führt.

In seinem Begleitbrief, so erzählt man, teilt der Anwalt seinem Mandanten kurz mit, daß vom Anwaltsbüro (Dr. Hohlfeld) mit der Hohen Behörde (Dr. Hamburger) wegen der Absicht der Rheinische Röhrenwerke AG und der Hüttenwerke Phoenix AG, sich zu fusionieren, eine telefonische Unterhaltung stattgefunden hätte. Dr. Hamburger hätte gesagt, über den Fusionsantrag würde zwar nicht sofort, aber demnächst entschieden. Professor Dr. Meilicke äußerte nun im Begleitschreiben an Hermann Krages, wie man weiterhin hört, den Gedanken: „Es scheint mir deshalb notwendig, daß wir spätestens im Lauf der nächsten Woche der Hohen Behörde die Eingabe zuleiten.“ (Es handelt sich um den Wunsch des Aktionärs Krages, die Hohe Behörde möge den Wiederzusammenschluß beider Werke verbieten, mindestens aber um einige Jahre verzögern; offensichtlich, um seinem Aktienpaket bei Rheinrohr eine günstigere Kursbewertung oder eine Verkaufschance zu ermöglichen.) Um diesen Dingen einigen Nachdruck zu geben, schlägt Professor Meilicke vor, vor der Hohen Behörde Klage gegen eine Genehmigungserteilung zu erheben und zu prüfen, ob nicht eventuell das Millionenpaket seines Mandanten durch die Bildung einer Interessengemeinschaft der Rheinrohr-Aktionäre verstärkt werden könnte.

Soweit die Präambel dieser Story.

Der Holzhändler Hermann D. Krages ist inzwischen kein Unbekannter mehr. Er hat in den vergangenen Jahren meisterhaft – ja, wir möchten sogar sagen, auf geniale Weise – verstanden, aus einigen Reichsmarkbeträgen durch Finanztransaktionen größten Stils Millionen-DM-Aktienpakete zu machen, und zwar überwiegend in dem Gefilde der unter den alliierten Diktaten stehenden Entflechtungsindustrien der Montanwirtschaft. Einige Dutzend Banken haben ihm dabei geholfen, was einigen bereits sehr leid tut. Es gibt wohl auch niemanden in der Bundesrepublik, der gegenwärtig die Bilanzen und Entflechtungsvorgänge, die offenen und stillen Vermögenswerte der Montanwirtschaft so virtuos beherrscht, wie Krages. Ohne Einschränkung: Er ist ein Meister des Finanzkapitalismus, ein Meister im Manipulieren millionenschwerer Aktienpakete. Sein Montan-Portefeuille wird in der Größenordnung um 60 Mill. DM geschätzt. Dies alles ist schön und gut. Aber irgendwo liegt die Grenze für alles Spekulative, meinen wir.

Hinter dieser Grenze ordnen wir zum Beispiel die unheilvollen Erstgesetze der Siegermächte nach 1945 ein; gruppieren wir die Morgenthau-Politik, die Demontagen und Entflechtungen, kurzum jene Grundlagen und Gesinnungen, denen zufolge in Deutschland die Teuerungswelle begann, der Lebensstandard des Volkes gebrochen und aus der starken Industriemacht ein krisenanfälliges und finanzabhängiges Kolonialvolk gemacht werden sollte. Wir ordnen hier auch jene ein, die damals auf deutscher Seite industriellen Landesverrat begingen. Es ist also ein sehr unerfreuliches Konglomerat, was sich dort einfindet.

In der Eingabe, die nun Professor Dr. Meilicke für Hermann D. Krages zur Weitergabe an die Hohe Behörde ausgearbeitet hatte, wird, wie z. B. in Luxemburg zu hören ist, nicht nur auf jene Entflechtungsgesetze und alliierten Diktate, wie z. B. auf die Allgemeine Verfügung Nr. 7 der britischen Militärregierung, auf das berüchtigte Gesetz Nr. 75, auf das ebenso berüchtigte Anschlußgesetz Nr. 27 und auf die längst überholten Absichten der einstigen Militärregierungen Bezug genommen. Es wird sogar die unveränderte Durchführung der damaligen Gesetze zur Industriezerschlagung verlangt. Krages stützt sich dabei im Falle Rheinrohr auf, wie er sagt, mehr als 10 v. H. des Aktienkapitals, also auf mehr als nominal 9,2 Mill. DM, die er sich zwischenzeitlich von Rheinrohr erworlen hat, und erklärt, ein „unmittelbar persönliches Interesse“ daran zu haben, daß die Hohe Behörde den Fusionsantrag nicht genehmige.

Im einzelnen heißt es in der Eingabe in völliger Verkennung aller volkswirtschaftlichen Fakten und Zusammenhänge, daß die Verschmelzung gegen die Grundsätze des Montanvertrages verstoße und daß der Wunsch von Rheinrohr, sich seine Halbzeugbasis durch Angliederung der Hütte Phoenix zu achern (was bekanntlich in aller Welt gang und gäbe ist und was schlicht Verbund genannt wird) nicht nur innerhalb der Bundesrepublik, sondern innerhalb des gesamten Montan-Union-Marktes einen ins Gewicht fallenden Nachteil herbeiführe, während die hierdurch künstlich geschaffene Vorzugsstellung von Rheinrohr der Hütte Phoenix einen wesentlichen Vorteil im Zugang zu den Versorgungsquellen bringe. Eine solche Folge des Zusammenschlusses stehe, so argumentiert dieser „Miteigentümer“, in Widerspruch zu der Vorschrift des Artikels 66 § 2 des Montanvertrages.