S. L. Berlin, Anfang Februar

Der Versuch des SPD-Bundesvorstandes, die Berliner Sozialdemokratie in die Volksbewegungs-Kampagne mit einzubeziehen, ist fürs erste eine Kundgebung Erich Ollenhauers in Berlin angesetzt; doch schon jetzt steht fest, daß die Gegner der Wiederbewaffnung in Berlin nicht nur mit anderen Argumenten, sondern mit anderen Methoden arbeiten müssen als im Bundesgebiet.

Die Differenzen zwischen Bonner und Berliner SPD-Auffassungen offenbarten sich auf einer Tagung am Wochenende, zu der Herbert Wehner eigens nach Berlin gereist kam. Mit dem Lindesausschuß der Berliner SPD und dem am Sonnabend neugebildeten „Arbeitskreis für Außenpolitik und europäische Zusammenarbeit“, in dessen Vorstand Willy Brandt und Otto Bach vertreten sind, nicht aber Franz Neumann, konferierte Wehner während des ganzen Sonntags über „die Auffassungen des SPD-Vorstandes zur Lage“. Zweck des Zusammentreffens war die Einschaltung Berlins in die Kundgebungen für das „Deutsche Manifest“. Indessen zeigte sich, daß die Vorstellungen über Verteidigung und Widerstand an der Berliner Front doch anders sind als in der Bonner Etappe. Zwar finden sich die Unterschriften der SPD-Fraktionsvorsitzenden des Berliner Abgeordnetenhauses, laut Fraktionsbeschluß, auf der Namensliste des Manifestes. Die Diskussion um das Manifest jedoch in die Berliner Öffentlichkeit zu tragen, lehnte der größte Teil der Diskussionsredner in der Debatte mit Wehner entschieden ab. Lediglich zu einer innerparteilichen Diskussion erklärte man sich bereit. Überhaupt erklärte man sich gegen öffentliche Aktionen im Stile von „Volksbewegungen“ in Berlin. Zu einer einheitlichen Beschlußfassung, in Form einer Resolution am Ende der Tagung, kam es indessen nicht; die Differenzen zwischen Berliner und Bonner Auffassungen waren so deutlich, und vorbehaltlose Anhänger der Konzeption Ollenhauers wie Franz Neumann etwa kamen so wenig zu Wort, daß Wehner verstimmt Berlin verließ.