Das Wort vom Marschallstab im Tornister stammt von Napoleon, und es bedeutet, daß jeder Soldat, wenn ihm das Glück hold ist, eines Tages Marschall werden kann. Aber der Marschallstab hat Gesellschaft bekommen. Neben ihm im Tornister liegt der Strick. Das heißt, der Soldat hat nicht nur die Chance, Marschall zu werden, sondern auch am Galgen zu enden. Ja, ihm kann sogar, wie einigen Offizieren Hitlers, beides widerfahren.

Die Menschen hassen den Krieg so sehr, daß sie nach jedem Kriegsende die Bestrafung der ihrer Meinung nach Verantwortlichen verlangen. Auf den Ruinen und Gräbern der Gefallenen wollen sie Galgen für die Schuldigen errichten. So vorbehaltslos man das Motiv dieser Bestrebungen, den Abscheu vor dem Krieg, billigen wird, so schwer wiegen die Einwände gegen ihre Auswirkungen. Erstens werden nicht die Unschuldigen die Schuldigen hängen, sondern die Sieger die Besiegten, wobei die Übereinstimmung von schuldig und besiegt zwar möglich, aber keineswegs üblich ist, und zweitens wird der Krieg, da Niederlage zugleich Strafgericht bedeutet und kein General sich gern hängen läßt, noch brutaler und noch totaler. Die Generale werden bis zum bitteren Ende kämpfen und vielleicht – was Schörner vorgeworfen wird – darüber hinaus. Sie werden ferner – wie Schörner – um der „eisernen Disziplin“ willen alle diejenigen erschießen und aufhängen lassen, die sich einer Fortsetzung des Krieges widersetzen, und sie werden dafür vielleicht – wie Schörner – sogar zum Marschall befördert werden. Schörner nahm den Marschallstab und überließ den Strick seinen Soldaten. Daß ihm dies gelang, ist erstaunlich, denn nach dem allgemeinen Haß, der ihm wenigstens in Deutschland entgegenschlägt, scheint er schuldiger als mancher seiner als Kriegsverbrecher verurteilten Mitmarschälle. Die Erklärung hierfür ist jedoch einfach: von den vier denkbaren Arten von Unmenschlichkeiten im Kriege wird erfahrungsgemäß stets nur eine bestraft, und zwar die Unmenschlichkeit des Besiegten gegen den Sieger. Die drei übrigen Arten, Unmenschlichkeit des Siegers gegen den Besiegten, des Siegers gegen Sieger oder des Besiegten gegen Besiegte bleiben unberücksichtigt. Durch diese letztere Lücke des „Gesetzes gegen die Unmenschlichkeit“ ist Schörner geschlüpft. Man kann eine „Lex Schörner“ machen und ihm die Pension verweigern. Und man kann – dies ist der unglücklichste von allen Vorschlägen zum Fall Schörner – irgendein Relikt des Besatzungsgesetzes gegen ihn mobilisieren. Würde Schörner nach Besatzungsrecht verurteilt, so könnte es geschehen, daß er zu guter Letzt noch zum „Märtyrer“ wird. Das haben weder er noch Deutschland verdient.

Für Schörner gibt es im Grunde nur eine angemessene Strafe, die man ohne bestehende Gesetze zu strapazieren und ohne neue zu schaffen, über ihn verhängen kann. Man kann ihn als den Befehlshaber in die Geschichte eingehen lassen, der sich seinen Marschallstab durch Erhängen seiner Soldaten verdiente. Ue.