Krennen Sie mich denn nicht mehr?“ fragte Ilja Ehrenburg bei seinem New Yorker Aufenthalt im Jahre 1946 einen alten Bekannten, der es vermieden hatte, ihn zu begrüßen. „Natürlich kenne ich Sie“, gab dieser zur Antwort. „Sie sind doch Ilja Ehrenburg, der ehemalige Schriftsteller.“

Oder: „Martine Carol ist der – Verzeihung! – greifbare Beweis, daß die freundliche-Diktatur des Pin-up-Girls eine Kultur beherrscht, die durchaus nicht allein durch das Freudsche ‚Unbehagen‘ gekennzeichnet ist.“

Solche und andere Charakteristiken finden sich in dem Buch von

Jean Améry „Karrieren und Köpfe“, Thomas Verlag, Zürich, 384 S., 22,50 DM.

Es zählt sicherlich unter die amüsantesten der aktuellen literarischen Produktion. Würde jemand die beiden obigen Zitate als zu willkürlich beanstanden und fragen, warum wir gerade sie unter vielen wählten, wir müßten antworten, daß wir uns damit nur der Auffassung des Autors anschlossen, der im Vorwort allen etwaigen Einwänden bezüglich seiner eigenen Auswahl mit den Worten begegnet: „Jede andere wäre gleichfalls anfechtbar.“

Denn Jean Améry hat sich die Aufgabe gestellt, in Kurzbiographien von sechzig lebenden Prominenten – „da und dort haben wir eben den Willen küren lassen und können nur hoffen, daß wir dennoch nicht allzu willkürlich verfahren sind“ – das Antlitz unserer Epoche zu skizzieren. Man erfährt in ihnen, was diese Prominenten betreiben, wie sie zu Ruhm und Geld gelangt sind, was die Welt über sie denkt und wie Jean Améry selbst sie sieht. Das alles wird in glänzend formulierter Raffung dem Leser vor Augen geführt. Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Sport finden bei Améry allerdings keine Gnade. Er argumentiert: „Ihre Vertreter (die Politik und Wirtschaft sind gemeint) entscheiden vielleicht unser Schicksal, ob sie jedoch dem kulturellen Gesicht unserer Epoche die Züge einmeißeln, scheint zumindest fraglich!“ Über den Sport: „Wir wissen nichts vom ‚upper cut‘!“

Um das kulturelle Gesicht also geht es Améry, womit keineswegs auch immer das kulturelle Gewicht, im Sinne rein geistiger Potenz gemeint ist. Mit den Worten des Autors: es wurden diejenigen Persönlichkeiten aus den Gebieten von Wissenschaft, Literatur, Musik, von bildender Kunst, Film, Theater und Gesellschaft besprochen, die am intensivsten unser Lebensgefühl beeinflussen, wobei die Wirkung in die Breite maßgebend war. Die lange Reihe der Kurzbiographien enthält denn auch unter vielen anderen die Namen Einstein, Rostand, Albert Schweitzer, Heidegger, C.G. Jung, Hermann Hesse, Mauriac, Ernst Jünger, Faulkner, Sartre. An Musikern Strawinskij, Furtwängler, Hindemith. Die Maler Picasso und Kokoschka. Den Bildhauer Henry Moore. Von Bühne und Film Laurence Olivier, Jean Louis Barrault, Gustaf Gründgens, die Garbo, Hildegard Knef, die Tänzerin Ulanowa. Ferner Zeitgenossen wie Aga Khan, Barbara Hutton, Jacques Fath, Elsa Maxwell. Jean Amérys persönliches Anliegen an den Leser: „Man unterstelle uns bitte keine Ambitionen. Wir wollten nicht tief sein, sondern informativ.“

Informativ ist jede dieser Kurzbiographien auf alle Fälle. Als Kollektiv aber sind sie mehr, nämlich ein wirklich gelungenes Spiegelbild unserer Tage mit allen ihren Lichtern und Schatten, sublimiert im Gehirn eines Autors, der sich ebensogut auf objektive Wägung wie auf das Herausarbeiten wirksamer Effekte versteht. Vielleicht wurde dem Scheckbuch als Maßstab der Prominenz allzu große Beachtung zugemessen. Aber auch das gehört wohl zum Bild unserer Zeit, und wir können Jean Améry kaum widersprechen, wenn er mit Hofmannsthal behauptet: „Jene, die immer an den Wurzeln des verworrenen Lebens liegen, hören gerne, daß die andern, die bei dem Steuer droben wohnen, auch nicht immer leichten Hauptes und leichter Hände sind.“ Heinz Hell