Von E. A. Greeven

Vor zweihundert Jahren, am 10. Februar 1755, starb Charles de Secondat, der von einem Onkel Namen und Rang eines Barons de Montesquieu geerbt hatte, in Paris mit der Gewißheit, der Welt zum mindesten ein Werk geschenkt zu haben, dessen Grundsätze und Folgerungen eine neue, die pragmatische Geschichtsauffassung schufen und in den Ideen der nächsten hundert Jahre unvermindert fortwirkten.

Montesquieu wurde geboren am 18. Januar 1689 auf dem Schlosse La Brede bei Bordeaux, studierte und verheiratete sich früh mit einer Dame, deren Existenz wohl kaum eine große Rolle in seinem Leben gespielt hat. Daß Montesquieu bereits mit fünfundzwanzig Jahren Rat beim Parlament von Bordeaux wurde und zwei Jahre später sogar Präsident sowie Mitbegründer der dortigen Akademie der Wissenschaften, bedeutete für ihn, der einflußreichem Beamtenadel entstammte, vielleicht nicht allzuviel; daß er 1726 diese Stellung niederlegte, um sich auf La Brede ganz seinen ausgedehnten geschichtlichen, juristischen und naturwissenschaftlichen Studien zu widmen, besagt gewißlich schon mehr; und daß er als Vierzigjähriger auf seiner Kavalierstour, die ihn durch Italien, Deutschland, Ungarn und die Schweiz führte, anschließend noch zwei Jahre in England verbrachte, um hier wie dort die Bedingungen und die Entwicklung gesetzlicher Institutionen und Verfassungen zu erforschen, zeigt deutlich die Richtung an, in der sich sein leidenschaftlich bohrender und um letzte Klarheit ringender Geist auf ein großes Ziel hin bewegte.

Was aber ist lebendig und fruchtbar geblieben, so müssen wir Heutige fragen, von dem Gedankenwerk eines Mannes, dessen Jugend genährt wurde von den Idealen antik-römischen Geistes und einer stoischen Lebenshaltung, und der später die Theorie eines konstitutionellen Staatsrechts nach dem wiederum idealisierten Vorbild englischer Einrichtungen formte? Was ist noch gültig für uns von der Quintessenz seines Wesens, das die einen – ohne es damit zu erschöpfen – zu den aphoristischen Moralisten Frankreichs in der Reihe von Montaigne und Larochefoucauld bis Chamfort zählen und das die anderen von einem chaotischen Genie ohne Ordnung und System sprechen läßt, weil es ein leichtes ist, ihm Widersprüche nachzuweisen und weil der Reformer Montesquieu in der Beurteilung praktischer Gegebenheiten allerdings des öfteren zu ganz anderen Resultaten gelangt, als der theoretische Denker eines philosophischen Staatsrechts?

Im Gedächtnis vieler lebt er nur als der jugendlicher Verfasser der „Lettres Persanes“ (1721), einer scharfen und mit freier Grazie geschriebenen Satire auf die politischen, religiösen und gesellschaftlichen Zustände des damaligen Frankreichs, die er im fingierten Briefwechsel zweier Perser, des ernsthaft, kritisierenden Usbek und des pariserisch angehauchten Rica, verspottet und zugleich bekämpft. Seine anonym und aus guten Gründen in Amsterdam erschienene Schrift, deren orientalische Einkleidung und Verschleierung nicht ohne Vorbild war, machte ein gewaltiges Aufsehen, wobei man es dahingestellt sein lassen darf, ob seine Leserinnen und Leser sich mehr an den galanten Haremsszenen oder an den billigen Ausfällen gegen das despotische Regime ergötzten. Montesquieus Haß gegen den Despotismus zieht sich als roter Faden durch sein Gesamtwerk und verschaffte ihm den Namen eines ersten Aufklärers und damit auch ersten Wegbereiters der französischen Revolution. Nicht minder charakteristisch für ihn wie für die frühe Konzipierung seines zentralen Problems ist es, daß schon in den „Lettres Persanes“ anläßlich der Geschichte der Troglodyten eine Art Staatsroman auftaucht, der Montesquieus damaligen Vorstellungen vom Idealzustand eines glücklichen Volkes entspricht.

Man sollte nie vergessen, daß in diesem kühlen Wissenschaftler, der wohl als erster zum Juristen den Nationalökonomen und den Physiker fügte und in allen dreien eine ironische Skepsis walten ließ, doch von Jugend auf eine geheime Sehnsucht lebte, durch sein Werk eine schönere, bessere Welt aufbauen zu helfen – ein Traum, der denen recht gibt, die in Montesquieu zutiefst eine künstlerische Persönlichkeit – ja, einen Dichter erblicken. Womit auch mancher Widerspruch in seinen Schriften, den man seiner Logik nicht verzeihen würde, eine iberbrückende Erklärung fände. Wenn man Montesquieu einen Dichter nennt, so muß man das Vort in seiner weiteren Bedeutung nehmen, denn was er im engeren Sinne als Dichter hinterlassen hat, rechtfertigt einen solchen Namen kaum. Niemand würde heute noch sein langweiliges Gedicht in Prosa „Le Temple de Gnide“ (1725) kennen, das er – ein zeitüblicher Erotiker – als „ein poetidies Gemälde der Wollust“ schrieb, wenn es nicht von dem ausgezeichneten Buchkünstler Eisen illustriert und dadurch zu einem begehrten Objekt der Bibliophilie geworden wäre.

Es konnte einem Manne vom Ehrgeiz Montesquieus, seinem Wissen und seinen auf langen Reisen gewonnenen Erfahrungen nicht genügen, auf die Dauer vom leichten Ruhm der weltmännischen „Lettres Persanes“ zu zehren. Was er dort im Gevand der Satire ausgesprochen hatte, hob er nun im Bewußtsein seiner Reife auf eine höhere, tragische Ebene und schrieb 1734 seine „Considerations sar les causes de la grandeur des Romains et de leur décadence“. Auch hier hat vieles engsten Bezug auf seine eigene Zeit, auch hier wird seine Abscheu gegen Willkürherrschaft, die den Verfall der besten Tugenden Roms zur Folge hat, deutlich und warnend offenbar, aber im ganzen führt doch das Verlangen des Historikers und Soziologen die Feder, de tieferen Ursachen, das „pourquoi du pourquoi“ von Aufstieg und Abstieg eines Volkes zu erspüren und zu erweisen. Noch geht Montesquieu nicht völlig ins allgemeine, noch exemplifiziert er am Einzelfall Roms, was sich ihm als Gesetz der Geschichte und – wie er glaubt – in ewiger Wiederkehr darstellt. So gesehen sind seine „Considerations“ eine Vorstufe zu seinem Hauptwerk, gewissermaßen das Stimmen eines Instrumentes vor dem endgültigen Bogenstrich. Ob Montesquieu zu seinem Werk durch die „Discours sur l’Histoire Universelle“ des großen Kanzelredners Bossuet angeregt wurde und wie weit schon Beziehungen zu Machiavelli, mit dem er manchen Zug gemeinsam hat, hereinspielen, das sind Fragen, die uns hier nicht kümmern.