Von Walter Abendroth

Es liegt in der Natur großer Gedanken, daß sie den geschichtlichen und volklichen Raum ihres Jrsprungs sprengen und eines Tages Eigentum der Welt werden, was sie bis zum Erlöschen ihrer Wir-:ungskraft bleiben. So ist es besonders mit den geistigen Vermächtnissen religiöser und künstlericher, vor allem dichterischer Art. Sie alle werden leicherweise durch „Mission“ verbreitet, sei es nach dem absichtsvollen Plane einer Gesellschaft von Gläubigen, sei es auf unwillkürliche Weise auf dem Wege über die Ansteckungskraft der Begeisterung. Das ist ein normaler Vorgang bei allen Geisteswerten und -werken, denen diese zentrifugale Energie innewohnt.

Demgegenüber ist es ungewöhnlich, daß ein solsches Weltbesitztum eines anderen Tages von dem Volke und Lande seiner Herkunft gewissermaßen zurückgefordert wird; daß Gelehrtenfleiß sich darauf verlegt, solches Geistesgut von denjenigen Elementen zu befreien, die es ehemals befähigten, Allgemeingeltung zu erwerben, ein entscheidender Faktor der Menschheitsgeschichte zu werden, um es in seiner Urgestalt wiederherzustellen, die seine ethnologische und historische Bedingtheit klar erkennen läßt. Ungewöhnlich zumal der Fall, daß die mit einem derartigen Reinigungs- und Wiederherstellungsprozeß verbundene Reduzierung der weltweiten Bedeutung des Objektes auf eine nationale nicht nur eine ungewollte, ja, unerwünschte Folge der Erneuerungsarbeit ist, sondern deren bewußte Absicht. Es handelt sich dabei um die bekannte literaturkritische Operation der „Textrevision“ einerseits, eine Verbesserung der fremdsprachlichen Übertragungen im Sinne genauerer Angleichung an den sprachkünstlerischen Charakter des Originals andererseits. Wenn nun diese Operation, gerade an einem Grundlagenwerk der religiösen Weltliteratur vorgenommen, nicht eine totale Ernüchterung herbeiführt, sondern das Buch auch in der revidierten und reduzierten Form noch immer, vielleicht sogar stärker denn je jene zentrifugale Energie des „heiligen Originals“ fühlbar macht, wenn die „Verengung“ auf die ursprüngliche Bedingtheit obendrein noch überraschende neue (alte) dichterische Qualitäten enthüllt und sogar die religiöse Zeugungs- und Überzeugungskraft unvermindert empfinden läßt, so wird damit allerdings wohl eine „Probe aufs Exempel“ bestanden, der nicht jedes weltläufig gewordene Buch gewachsen sein dürfte. So verhält es sich aber mit:

„Die fünf Bücher der Weisung“, verdeutscht von Martin Buber gemeinsam mit Franz Rosenzweig. Jacob Hegner Verlag in Köln und Olten. 580 S., 32,– DM.

Es sind die fünf Bücher Mose, die ersten des Alten Testaments der Heiligen Schrift. „Ein Doppeltes hebt die Schrift, das sogenannte Alte Testament, von den großen Büchern der Weltreligionen ab. Das eine ist, daß Ereignis und Wort hier durchaus im Volk, in der Geschichte, in der Welt stehn ... Und das andere ist, daß hier ein Gesetz spricht, das dem natürlichen Leben des Menschen gilt.“ So sagt Martin Buber in einer dem Buche beigefügten Broschüre „Zu einer neuen Verdeutschung der Schrift“. Und ferner: „Die besondere Pflicht zu einer erneuten Übertragung der Schrift, die in der Gegenwart wach wurde und zu unserem Unternehmen geführt hat, ergab sich aus der Entdeckung der Tatsache, daß die Zeiten die Schrift vielfach in ein Palimpsest verwandelt haben. Die ursprünglichen Schriftzüge, Sinn und Wort von erstmals, sind von einer geläufigen Begrifflichkeit teils theologischer, teils literarischer Herkunft überzogen, und was der heutige Mensch gewöhnlich liest, wenn er ‚das Buch‘ aufschlägt, ist jenem lauschenden Sprechen, das sich hier eingetragen hat, so unähnlich, daß wir allen Grund hätten, solcher Scheinaufnahme die achselzuckende Ablehnung vorzuziehen, die ‚ mit diesem Zeug nichts mehr anzufangen weiß‘.“ Buber bezieht aber diese Kritik nicht allein auf die vorhandenen Übersetzungen, sondern auch auf das hebräische Original, dessen „Laute selber für einen Leser, der kein Hörer mehr ist, ihre Unmittelbarkeit eingebüßt“ hätten, „von der stimmlosen theologisch-literarischen Beredsamkeit durchsetzt“ seien und „statt des Geistes, der in ihnen Stimme gewann, ein Kompromiß der Geistigkeiten zweier Jahrtausende aussagen“.

Ansicht und Planung des großen Gelehrten sind hiermit unzweideutig bezeichnet. Beginnt man nun in dem neuen Text zu lesen – im Sinne jener Erläuterungen laut, also sprechend –, so merkt man freilich schnell, wieviel eindringlicher hier das Sprachlich-Dichterische in Erscheinung tritt, als in allen bisher bekannten Bibelfassungen. Es herrscht ein häufiger Wechsel des Metrums, des Rhythmus, der phonetischen Kombinationen, der Atemführung. Das Bildhafte ist oft primitiver als gewohnt, und das Begriffliche scheint dem Übersetzer an vielen Stellen nur durch ganz ungewöhnliche Wortbildungen ausschöpfbar. Es kann kein Zweifel sein, daß diese „Fünf Bücher der Weisung“ im ganzen realistischer, volkstümlicher, sinnlicher wirken als die bisherigen Texte; mehr wie historische Epik mit symbolischer Einkleidung. Kaum aber ließe sich behaupten, das Ganze und Wesentliche sei dadurch für die theologische Interpretation unbrauchbar geworden. Dadurch erst recht bewährt sich das „Buch der Bücher“ erneut in seiner doppelten Macht als dichterisch verkleideter – und großartig gestalteter – Historienbericht (wie eben in alten Zeiten Geschehenes überliefert wurde) und Fundamentaldokument einer einzigartigen religiösen Entwicklungsreihe. Wie sich die Übertragungsarbeit auf die beiden Autoren Rosenzweig und Buber verteilte, ist nicht erkennbar – was ja auch so sein soll. Indessendominiert auf allen Seiten eine solche sprachschöpferische Genialität, wie man sie in diesen Wissenschaftsbereichen nur dem „großen Alten“ von Jerusalem zuzutrauen geneigt ist,

Ist aber einmal an einen mythischen Baum die Axt der Kritik gelegt, so pflegt es nicht bei einem Hieb zu bleiben. Der zweite gleich trifft das Gemeinschaftswerk von Buber-Rosenzweig, und er ist aus einer sehr standfesten Position heraus gezielt: