Von Stefan Roth

Am 13. Februar sind zehn Jahre vergangen, seit Dresden zerstört wurde. Der nahezu totale Untergang dieser Stadt, zugleich eines der furchtbarsten Blutbäder des zweiten Weltkrieges, war im wesentlichen das Werk einer einzigen Nacht. Angesichts der glänzenden Rolle, welche die sächsische Hauptstadt in der Kulturgeschichte Europas spielte, illustriert diese leichtfertige Vernichtung auf besonders eindrucksvolle Art, wie schnell rohe Gewalt Werte auszulöschen vermag, an deren Aufbau Jahrhunderte gearbeitet haben.

Wenige Trümmerstätten vermitteln so niederdrückend den Eindruck des Unwiederbringlichen, wie das „aufgeräumte“ Dresden mit den Ansätzen zu einem „Wiederaufbau“, der mit dem genius loci von ehedem nichts mehr zu tun hat. Das verschwindend Wenige, das vom Gewesenen erneuerungsfähig geblieben ist, wird sich einmal in der veränderten Umgebung ausnehmen wie exotische Schaustücke inmitten eines Haufens genormter Banalitäten. Das gewesene Dresden aber war durchaus kein „Museum“, trotz der allgegenwärtigen Prädominanz seines barocken Kernes. Die Stadt war in ständigem Wachstum, und das Neue behielt mit dem Alten stets einen lebendigen Kontakt organischer Weiterbildung, wie man dies auch in Wien oder in Paris beobachten kann. Und wie alle wirklich „gewachsenen“ Städte blieb sie auch immer im Kontakt mit der umgebenden Landschaft, in die sie hinaus, und die in sie hineinstrahlte. Zu Dresden gehörten die Sächsische Schweiz und das Erzgebirge ebenso, wie zu diesen die Aura der Nähe Dresdens gehörte. So ist durch den Untergang der Stadt auch die ganze Landschaft gewissermaßen depotenziert.

An der Strahlungskraft dieser Stadt hatte das geistige Leben einen hervorragenden Anteil. Wie die architektonische Schönheit Dresdens für die Kultur ihrer Urheber sprach, so zog sie auch kultivierte Geister immer wieder an. Diese Anziehungskraft war so groß, daß ein dauernder Zu- und Durchstrom schöpferischer Menschen die Gefahr des Versinkens in dämmeriger Residenzgemütlichkeit gar nicht aufkommen ließ. Es herrschte hier vielmehr die Atmosphäre einer echten internationalen Kunststadt, zu deren untrüglichen Kennzeichen die harmonische Vermischung des einheimischen Elements mit dem fremden auch auf der Ebene des Geistes zählt.

In einer solchen Stadt gibt es durchaus auch jene harmlosen „Lokalkoryphäen“ (auf welche allein sich der Kulturdünkel so manches anderen Gemeinwesens stützt); aber sie überziehen ihre natürliche, angemessene Rolle nicht, sondern helfen den Boden empfänglich halten für die Erscheinungen überlokalen Ranges. Gerade im Sinne dieses Wechselspiels zwischen angestammten, einheimischen Kräften und solchen von „draußen“ ist das geistige Leben Dresdens von jeher eminent fruchtbar gewesen. Schon ein ganz oberflächlicher Rückblick läßt das erkennen, selbst bei Außerachtlassung der Baugeschichte, deren Betrachtung sogleich ins Uferlose führen würde. Selbst auch unter Ausschaltung des eigentlichen akademischen Wirkens, der Geschichte der Galerie, der übrigen Sammlungen und Museen, der künstlerischen Erziehungsstätten und so weiter. Was zeigt da nicht allein das Bild des neunzehnten Jahrhunderts!

Im weiten Felde der Dichtkunst und der großen Literatur begegnen uns die Namen Tieck, Kleist und Schiller. In einem Pavillon des Körnerschen Gartens in Loschwitz entstand der „Don Carlos“. Kleists Dresdener Zeit ist eine der bewegtesten und folgereichsten seines wechselvollen Daseins gewesen, und für sein Schaffen hatte die Stadt zentrale Bedeutung. E. T. A. Hoffmann, dasromantische Universalgenie, schrieb und lokalisierte in Dresden eine seiner schönsten Erzählungen: „Der goldene Topf“. Etwa in denselben Jahren beendete Schopenhauer dort die erste Niederschrift seines Hauptwerkes „Die Welt als Wille und Vorstellung.“ Einige Jahrzehnt^ später dichtete Dostojewskij in Dresdener möblierten Zimmern seinen Roman „Die Dämonen“ unter mannigfachen Nöten und Aufregungen, die seine Frau Anna Grigorjewna in ihrem Tagebuch überaus packend geschildert hat (die Deutschen allgemein und die Sachsen insbesondere kommen dabei nicht immer sehr gut weg). Auch Ibsen lebte lange und gern hier, wo „Kaiser und Galiläer“ vollendet wurde. Nicht weniger reich an großen Namen und Ereignissen ist Dresdens Musikgeschichte, zu deren Ruhme schon das Wirken des Spätrenaissancemeisters Heinrich Schütz hinreichen würde. Aufs engste mit Dresden verbunden, nicht nur durch die Arbeit vieler Jahre, ist im Zeitalter der Romantik Carl Maria v. Weber. Die berühmteste Schöpfung des Kgl. sächsischen Hofkapellmeisters, der „Freischütz“, ist ebenso wie Hottmanns phantastische Novelle vom goldenen Topf ganz unmittelbar aus dem Stimmungscharakter der Dresdener Landschaft entstanden. Die weitaus sensationellste Gestalt der Dresdener Musikgeschichte aber ist Richard Wagner, der schon hier in die Kreuzschule gegangen war und mit dem „Rienzi“ im neuen Semperschen Opernhaus mit einem Schlage aus dem Dunkel der Anonymität wie ein neues Gestirn auftauchte, sofort in das Amt eingesetzt wurde, das vormals Weber bekleidet hatte, seine zweite Oper, den „Fliegenden Holländer“, ebenfalls auf die Bühne brachte, dann in Dresden noch den „Tannhäuser“ und den „Lohengrin“ komponierte sowie die ersten Entwürfe fast aller späteren Werke skizzierte und schließlich die bürgerlichste Epoche seiner Biographie mit einem gewaltigen Knalleffekt als Edelrevolutionär und Barrikadenläufer, Seite an Seite mit dem berüchtigten Russen Bakunin, beendete. Nach ihm gab es in musicis eine ruhigere Zeit, in welcher Götter minderer Größe die Stellung hielten (etwa der lange unter-, lange überschätzte Felix Draesecke), während noch später, um die letzte Jahrhundertwende und in das zwanzigste hinein, Glanz hauptsächlich von außen hereinkam durch die Serie der Richard-Strauß-Premieren, deren internationales Renommee freilich nicht zuletzt auf dem artistischen Hochstand der Dresdener Oper gründete. Ihr als Dirigent oder als Sänger anzugehören, verbürgte schon allein Zelebrität.

So großartig wie die literarische und die musikalische Vergangenheit Dresdens ist die der Malerei nicht gewesen. Was einigermaßen paradox erscheint, da doch der Ruhm der Kunststadt Dresden vor allem auch auf ihrem Besitz an Schätzen der bildenden Kunst beruhte. Ja, man kann sogar sagen: wenn irgendein Mensch, der nicht gerade von musikalischen oder literarischen Interessen voreingenommen war, den Namen „Dresden“ hörte, so achte er unwillkürlich sofort an eine Fülle beglückender Eindrücke von Werken der bildenden Kunst. Aber diese automatische Reaktion war eben dadurch verursacht, daß im allgemeinen Bewußtsein die Dresdener Sammlungen und die großen Ausstellungen als lebendige Vorstellung festsaßen.