Mit Waldtraut Gummersbach, deren Roman „Und sängen sie nicht im Nebel“ mit dem Otto-Detzenberg-Preis der Stadt Blausauer ausgezeichnet wurde, hat die Jury das Werk einer völlig unbekannten Dichterin gekürt. Obgleich am selben Tage noch der „Mittelschwäbische Förderungspreis“, das „Goldene Buch“ der Stadt Wanne-Eickel und der große Literaturpreis der Rasiercremeindustrie verliehen wurden, hat gerade diese Preisverteilung besondere Beachtung gefunden.

Wer ist Waldtraut Gummersbach? fragt man wie so oft, wenn man einen Namen noch nie gehört hat. Und wer war Otto Detzenberg? Die Annahme, daß es sich bei ihm um einen Emsländer Heimatdichter aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts handeln müsse, ist irrig. Literaturliebhaber aus Passion, ist Detzenberg vielmehr im Hauptberuf Hersteller des bekannten und nahrhaften Blausauer Malzbieres. Diese ungewöhnliche Verbindung von Genußmittelindustrie und Belletristik sollte für uns kein Grund sein, den Detzenberg-Preis minder zu achten.

Nun zu Waldtraut Gummersbach. Wer würde in der Dichterin von „Und sängen sie nicht im Nebel“ eine schlichte deutsche Hausfrau und Mutter von drei Kindern vermuten? Und doch ist sie es. An ihrem Roman hat sie vier Jahre lang jeden Abend nach dem Nachtgebet mit den Kindern, im Kerzenschimmer gearbeitet; Schulhefte ihres Ältesten dienten ihr als Manuskriptpapier. Nie hat sie damit gerechnet, durch ihren Roman einmal berühmt zu werden, um so weniger, als er bereits einmal – wir verraten damit kein Geheimnis mehr – von jenem Verlage zurückgeschickt wurde, der jetzt, nach der Preisverteilung, seine Rechte erwarb.

Von der Schlichtheit, von der warmherzigen Mütterlichkeit ihres Wesens glaubt der Rezensent auch in ihrem Roman manches zu verspüren. Die gemüthafte, innige Reinheit ihrer zutiefst menschlichen Aussage – wer würde nicht, trotz aller formalen Unterschiede, sofort an Melitta Grusenkelch denken! – waren es wohl auch, welche die Jury bewogen, dieses Werk vor 828 anderen Romanen auszuzeichnen. Was diese Auszeichnung um so bedeutsamer macht, ist die Zusammensetzung eben dieser Jury. Was in Deutschland – von Gottfried Benn angefangen – als Preisrichter von literarischen Wettbewerben, Klang und Namen hat, war in ihr vertreten. Wie dummdreist jene öden Gerüchte, wonach keiner von ihnen Waldtraut Gummersbachs Roman gelesen habe und dieser vielmehr von der Gattin des Sekretärs der Jury ausgewählt wurde! Aus der Luft gegriffen und fadenscheinig wie Behauptungen dieser Art zu sein pflegen, haben sie nicht verhindern können, daß die Dichterin mit einem Schlage in das Zentrum des öffentlichen Interesses gerückt ist. Sechs Länder, darunter der Libanon, haben die Übersetzungsrechte erworben; drei deutsche Sender bringen die Hörspielfassung in Gemeinschaftsproduktion; Gründgens hat die Bühnenfassung sofort – zum Ärger Düsseldorfs – für Hamburg angenommen; eine Verfilmung mit Curd Jürgens als Hans Altmann ist für den Herbst geplant; selbst das Fernsehen soll sich – wie man hört – über die Fernsehwirksamkeit des Stoffes seine Gedanken machen. Das ist aber noch lange nicht alles. Sechs Verlage bewerben sich um die Rechte an zwei weiteren Romanen von Waldtraut Gummersbach, die noch in ihrer Schublade schlummern. Aufschlußreich wird aber schon jenes Nachtprogramm (in drei Teilen) sein, in dem sich Waldtraut Gummersbach mit Max Bense, Hermann Kasack und Hans Egon Holthusen über die „Zukunft des Romans“ unterhalten wird.

Daß wir uns um die Zukunft des Romans keine Sorgen zu machen brauchen – wer wollte daran nach einem Werk wie „Und sängen sie nicht im Nebel“, das für eine ganze Epoche steht, noch zweifeln? Waldtraut Gummersbach ist mehr als eine Hoffnung. Sie ist eine Verheißung. Nein, noch mehr – eine Erfüllung. Nicht mehr und nicht weniger. Wolfgang Ebert