Trotz der vielen mißlichen Dinge, die seit Wochen aus dem Bereiche der Innen- und Außenpolitik auf den Aktionär eingestürmt sind, ist es an den deutschen Wertpapiermärkten zu keinerbesorgniserregenden Entwicklung gekommen. Natürlich werden die in den Standardpapieren eingetretenen Verluste von durchweg 10 bis 20 Punkten während einer Woche nur von den ausgesprochenen Baissiers begrüßt! aber da bei den wenigsten Anlegern die Verluste bereits ins „rohe Fleisch“ schneiden, sondern meistens nur den „Gewinnspeck“ vermindern, bleibt die Situation vorerst noch erträglich. Schwieriger ist es dagegen für den Kreis, der Wertpapiere auf Kredit gekauft hat. In einem bestimmten und an den Börsen viel diskutierten Einzelfalle könnte ein weiterer Kursrückgang bei den Montanaktien sogar den Rücktritt von hochgespannten Konzernplänen (oder besser Paketplänen) zur Folge haben. Theoretisch würde ein notwendig werdender Verkauf größerer Pakete über die Börsen in ihrem gegenwärtigen labilen Zustand von nicht abzusehenden Konsequenzen für den Kurs der jeweils betroffenen Werte sein (und sehr wahrscheinlich auch für die anderen). Nach inoffiziellen Verlautbarungen wird dieser Fall jedoch nicht eintreten, da eben für derartige Pakete potente Interessenten ausreichend vorhanden sind. Allerdings wird der jetzige Inhaber auf die üblichen Paketzuschläge verzichten müssen.

Die rückläufige Bewegung fand ihre Nahrung in den ständigen Abgaben des Auslandes. Da es sich hier vornehmlich um einen Rückzug der ausländischen Spekulation handelt und die echten Anleger an ihrem Besitz bislang nicht gerührt haben, sollte man sich vor einer Überbewertung solcher Aktionen hüten. Die stetigen Verluste bei den Aktien haben einen Teil der inländischen Spekulation bewogen, vorübergehend auf dem Markt der festverzinslichen Papiere Schutz zu suchen. Die sich hier steigernde Nachfrage (trotz des Abbaus der Überfülle am Geldmarkt) hat die Kurse bei den 7 1/2 und 8 v. H. Industrie-Obligationen sowie bei den 5 und 5 1/2 v. H. Pfandbriefen weiter leicht anziehen lassen.

Am augenfälligsten war der Kursrückgang bei den IG-Farben-Nachfolgegesellschaften. Nach ihrer jeweiligen stimmungsmäßigen Ursache nannte man hier die Verkäufe entweder „chinesische“ oder „französische“ Abgaben. Von der Rendite her gesehen waren die Kurse ohne Zweifel zu hoch. Allerdings steckt in diesen Papieren nicht nur ein sicherlich lohnendes Bezugsrecht, sondern auch sehr viel „Zukunftsmusik“. Das ist jedenfalls die Auffassung derer, die in den letzten Tagen laufend IG-Farben-Nachfolger aufnahmen und dabei glauben, billig gekauft zu haben.

Im Montanbereich wurden die Hoesch-Bilanzen an den Börsen zwar mit Zufriedenheit zur Kenntnis genommen, doch blieben sie ohne Einfluß auf die Kurse, die bei den Hoesch-Gesellschaften um 5 bis 8 Punkte zurückfielen. Montanunternehmen, bei denen noch mit keiner Dividendenzahlung zu rechnen ist, wie z. B. Harpener Bergbau, fielen um 10 Punkte und mehr zurück. Die Auseinandersetzungen von Bundeswirtschaftsminister Prof. Erhard mit der Schwerindustrie wegen der gewünschten und bei der Hohen Behörde beantragten Preiserhöhungen mußten die Börse naturgemäß beunruhigen.

Eine Verteuerung von Eisen, Stahl und Kohle – so argumentierte man – würde die Wettbewerbssituation der Maschinenindustrie auf dem Weltmarkt stark beeinflussen. Infolgedessen trat man in den eventuell betroffenen Papieren kurz. Demag fielen um weitere 10 Punkte auf 278 zurück. Bei Lanz, Lindes Eis, Berliner Maschinen, MAN und Maschinen Buckau lagen die Verluste zwischen 4 und 5 Punkten. Werften gaben ebenfalls leicht nach.

Bei nur kleinen Umsätzen konnten sich die Banken nur knapp behaupten. Zu einer Sonderbewegung kam es lediglich bei der Geestemünder Bank, bei der auf je drei Aktien zu je nominell 1000 DM eine Gratisaktie zu 1000 DM an Stelle einer Dividende verteilt wird. Daraufhin notierte das Papier nach 165 v. H. mit gestrichen Geld. Der rechnerisch richtige Kurs dürfte über 200 v. H. hinausgehen. Mit einer Kapitalerhöhung kann ziemlich sicher bei Siemens gerechnet werden. Die Entscheidung dürfte auf einer demnächst stattfindenden AR-Sitzung fallen. Nach den neuesten Gerüchten ist eventuell eine Erhöhung um 120 Mill. DM auf 360 Mill. in Aussicht genommen. Das wäre ein Bezugsrecht von 2 : 1. Der Bezugskurs der jungen Aktien soll vermutlich zwischen 130 und 150 v. H. liegen. 120 Mill. sind in Anbetracht der jetzigen Börsensituation ein großer Brocken. Da zur gleichen Zeit auch die Farbwerke Hoechst mit einer Kapitalerhöhung auf den Markt treten, ist es durchaus möglich, daß die Gesamttendenz durch die aufsaugende Wirkung beider Aktionen in Mitleidenschaft gezogen wird. Daimler hat erklärt, vorerst nicht an den Kapitalmarkt herantreten zu wollen. Die Verwaltung stellte ferner die Möglichkeit einer über 8 v. H. hinausgehenden Dividende in Zweifel. –

Entgegengesetzt der allgemein schwachen Tendenz bewegten sich die Brauereiwerte, die in den nächsten Wochen ihre Abschlüsse für 1953/54 (30. 9.) vorlegen werden. Trotz der ungünstigen Witterung im vergangenen Sommer ist die Ausstoßentwicklung bei fast allen Brauereien günstig gewesen. Die in Nordrhein-Westfalen gelegenen Brauereien waren dabei besser zum Zuge gekommen als die norddeutschen und bayerischen Produzenten. Die mit Mehrheit im Oetkerschen Besitz befindliche „Kieler Eiche“ buchte einen Gewinn von 10 Punkten, die Aktien haben jetzt den Parikurs erreicht. –ndt