München, im Februar

Als Albert Einstein zum ersten Male in die Vereinigten Staaten kam, jubelte die am Pier sich drängende Menge voll höchster Begeisterung. „Wer ist denn da angekommen?“ fragte ein Passant einen der Schaulustigen. Und der Gefragte antwortete: „Irgendein deutscher Filmstar.“ Soweit die Anekdote aus einer Zeit, die jetzt schon rund ein Menschenalter zurückliegt.

Deutsche und Amerikaner haben etwas übrig für berühmte Leute aus dem Ausland. Ortega y Gasset und Harold Nicolson können, wenn sie nach München oder einer anderen deutschen Stadt kommen, brechend voller Säle sicher sein, obgleich sie nur reden und nicht singen. Die internationalen Nobelpreisträger kommen mit Vergnügen nach Lindau, und das Städtchen ist stolz darauf. Polizeischutz gegen die begeisterte Menge haben sie freilich noch nie gebraucht, den brauchte nicht einmal unsere Fußballelf, als sie, von Bern kommend, die Weltmeisterschaft ins Reich heimtrug. Aber Gina Lollobrigida brauchte den Polizeischutz, den Professor Heuss grade am gleichen Tag in Berlin abgelehnt hatte. Unser Bundespräsident ist beliebt, auch ihm winkt die Menge zu; jedoch zerreißen – nein, zerreißen vor Begeisterung würde sie ihn nicht. Bei Ankunft des italienischen Filmstars hingegen, früh um acht im Münchener Hauptbahnhof, mußte das Überfallkommando herbeigerufen werden. Bis zu seiner Ankunft verzeichnete der Polizeibericht zwei niedergetrampelte Frauen, eine zersprengte militärische Formation – es handelte sich um die Leibgarde des Faschingsprinzen –, zerfetzte Gewänder und Spruchbänder und eine verlorengegangene (Faschings)-Prinzessin. Die Bahnhofspolizei ging in der begeisterten Menge unter, die Stadtpolizei konnte nicht eingreifen, „weil der Bahnhof Hoheitsgebiet der Bahnpolizei ist“, somit blieb nur das Überfallkommando. Ein Funkstreifenwagen wurde zum Schutz der Signora Lollobrigida vom Polizeipräsidenten ab – oder sagt man ihr zur Verfügung gestellt. Und die tüchtige Orts-Illustrierte, die den Filmstar nach München eingeladen und die Ankunftszeit durch die Presse bekanntgegeben hatte, kann mit ihrem Erfolg zufrieden sein.

Die Menge braucht, so sagt man, nicht nur ihre Sensationen, sondern auch ihre Halbgötter. Früher standen die Könige an Stelle der Halbgötter. Nun bitte, wir haben hier unseren liebenswerten, klug zurückhaltenden Kronprinzen Rupprecht, der gelegentlich ohne besonderes Aufsehen Fackelzüge und die Anrede „Majestät“ entgegennimmt. Auch haben wir am Starnberger See den aus seinem Land verbannten Habsburger, von dem gemunkelt wird, auch er erfreue sich manchmal von Seiten der Kaisertreuen der höchsten Form der Anrede. Aber das Königtum wird in der Öffentlichkeit nicht mehr wirksam, nicht einmal mehr sichtbar. Außer in England. Und wenn sie ihre Popularität durch das Fernsehen steigern wollen, so müssen auch die royalties sich dem Prozeß des Schminkens unterwerfen. Trotzdem ist kaum anzunehmen, daß Königin Elizabeth II., käme sie je nach München, mehr Volkes auf den Bahnhof brächte, als die Filmkon/currenz, die kürzlich bei ihr eingeladen war und den Prinzgemahl zum Tischherrn hatte, teils weil der Bahnhof gar nicht mehr faßt und zum Teil, weil die Absperrungsmaßnahmen von Anfang an stärker wären.

Die Polizei, nicht verpflichtet, soziologischpsychologische Entwicklungen aufmerksam zu verfolgen, hat nicht damit gerechnet, daß der Film das Königtum verdrängt hat und daß des Sängers Wunschtraum es nicht mehr ist, mit dem König zu gehen. Denn es gibt zwar viele Sänger, aber wenig Könige, und zudem hat der Sänger weder Schutz noch Hintergrund des Königtums mehr nötig. Er ist längst sein eigener König geworden, nicht einmal den Schutz günstiger Sterne braucht er mehr, er ist selbst ein Stern, ein Star. Wo sind die Zeiten hin, da der Künstler vogelfrei war und die Einstellung des seßhaften Bürgers zu Gauklern, Seiltänzern und fahrendem Bühnenvolk sich in dem Satz erschöpfte: „Hängt die Wäsche weg, die Schauspieler kommen!“

Diese Zeiten sind seit etwa hundert – also noch gar nicht so sehr vielen – Jahren vorbei; ihre Überwindung gehört zu den seltenen nachweisbaren Fortschritten der Menschheit. Wir wollen jene Einstellung mitnichten zurückwünschen. Sie wurde abgelöst von Jahren, in denen begeisterte junge Leute dem Schauspieler oder der Sängerin die Pferde ausspannten und den Wagen mit eigener Manneskraft durch die Stadt zogen – eine schöne ritterliche Geste, die sich mittlerweile leider von selbst erledigt hat. 300 Pferde kann man der Mercedes-Kutsche nicht ausspannen, und die also Geehrten würden sich bestens bedanken, da sie dann bestimmt ihr Flugzeug versäumen müßten. Statt dessen werden sie also von der Funkstreife geleitet.

Nichts gegen das bezaubernde Kind des Volkes (wie wir’s in dem fröhlichen Film „Liebe, Brot und Phantasie“ sahen), nichts gegen das Vergnügen, das sie und manche ihrer Kolleginnen Millionen von Zuschauern bereiten und das manchmal zu einer echten Beglückung zu werden vermag. Man kann nicht verlangen, daß die Menge, die einmal versehentlich Albert Einstein zugejubelt hat, die umwälzende Wichtigkeit seiner Lehre versteht. Eher wäre zu erwarten, daß man dem Erfinder des Penicillin oder der Eisernen Lunge Ovationen bereite; daß man Menschen feiere, die ihr Leben für die Armen und Unglücklichen opfern – man tut es wohl auch, wie die Huldigung der Welt an Albert Schweitzer beweist. Aber das steht in keinem Verhältnis zu dem hysterischen Trubel, den ein Filmstar – und nur ein Filmstar – hervorzurufen vermag. In früheren Zeiten lösten Kreuzritter und Heilige die Wirkung aus, die man heute als Massenhysterie bezeichnet. Jetzt tut es der Filmstar. Ob man die Dekadenz des Qualitätsgefühles bedauern soll oder nicht, ist eine Frage von sekundärer Bedeutung. An der Tatsache selbst läßt sich nichts ändern. Immerhin ist sie unschädlicher, als die Massenhysterien der jüngeren Historie. Damit sollten wir uns trösten. M. M. G.