Wien, im Februar

Zwei Themen beherrschen zur Zeit das politische Gespräch von Wien: die Verhaftung des Magistratsdirektors Sokolowski seitens der Sowjetkommandantur und der Selbstmord des ehemaligen Favoritner Polizeichefs Vinzenz Seiser. Auf„ erste scheinen die beiden Vorfälle wenig miteinander gemein zu haben. Erst bei einiger Kenntnis der Hintergründe zeigt sich die Wild-Ost-Romantik, die in beiden Begebenheiten zutage tritt.

Vor wenigen Tagen wurde in dem Vorort Neuwaldegg am Rande des Wienerwaldes ein Selbstmörder aufgefunden. Der Mann, der sich eine Kugel ins Herz gejagt hatte, erwies sich als der frühere Polizeichef des Wiener Arbeiterbezirks Favoriten, Vinzenz Seiser. In seiner Rocktasche aber fand sich ein Schreiben der KPÖ, in dem er von seinem Ausschluß aus der Partei verständigt wurde.

Als im Jahre 1945 der Kommunist Honner für kurze Zeit österreichischer Innenminister wurde, trachtete er vor allem, den Polizeiapparat mit seinen Leuten zu durchsetzen. Damals trat Seiser, ein Mann ohne jede polizeiliche Vorschulung, seinen Dienst an und avancierte rasch. Bald schieden die Kommunisten aus der Regierung, die Sowjets beschränkten ihre Einflußsphäre auf die ihnen unterstehende Zone, sorgten aber dafür, daß ein Mann wie Seiser Leiter der Polizei von Favoriten blieb.

Seiser hatte seine Hand im Spiele, als drei Jahre später im Auftrag der Zentralkommandantur ein Taxichauffeur durch einen kommunistischen Kriminalbeamten entführt und den Sowjets übergeben wurde. Es kam damals auf eine Kraftprobe zwischen den österreichischen Behörden und der Besatzungsmacht an. Dem Wiener Polizeipräsidenten gelang es schließlich, den kommunistischen Polizeileiter von seinem Posten zu entfernen. Dann schien nach einiger Zeit Seiser auch bei den Russen in Ungnade gefallen zu sein. Als er von seinem Ausschluß aus der KPÖ „wegen parteischädigenden Verhaltens“ verständigt wurde, äußerte er sich zu Freunden: „Ich weiß, was mir jetzt blüht!“ Bald darauf nahm er sich das Leben.

An dem Tag, an dem dies geschah, erörterte man bereits in ganz Österreich die rätselhaften Hintergründe des Falles Sokolowski – einer Affäre, die an Bedeutung den Selbstmord des ehemaligen Polizeichefs bedeutend übersteigt. Der Wiener Magistratsrat Dr. Alfred Sokolowski gehörte zu den engsten Mitarbeitern des Bürgermeisters von Wien. Als er sich kürzlich zu einer Vorsprache in die Sowjetkommandantur begab, kehrte er von dieser Unterredung nicht mehr zurück. Der Protest des Bürgermeisters, später auch eine Demarche des Bundeskanzlers Raab, wurden von den Sowjets zurückgewiesen. Das sah nach einem brüsken Affront aus. Aber kurz darauf erfuhr man, Sokolowski sei während des Krieges aus der Roten Armee desertiert und habe sich den Deutschen zur Verfügung gestellt. Nach Kriegsschluß stellte er sich den österreichischen Behörden zur Verfügung und leistete ihnen so bedeutende Dienste, daß man ihm bald die österreichische Staatsbürgerschaft verlieh und ihn auf einen verantwortungsvollen Posten im Rathaus berief. Die Frage, was einen Überläufer mit dieser Vergangenheit dazu bewegt haben könnte, nach dem russischen Einmarsch, anstatt nach dem Westen zu fliehen, ein hohes öffentliches Amt anzunehmen, das ihn in täglichen Kontakt mit den Sowjetbehörden brachte?

Der Verdacht lag nahe, daß der hohe Magistratsbeamte im Einvernehmen mit den Sowjets nicht nur den heutigen Bürgermeister von Wien bespitzelt hat, sondern auch dessen Amtsvorgänger, den jetzigen Bundespräsidenten Körner. Sokolowski hat aber überdies vor kurzem, gemeinsam mit einigen hohen österreichischen Staatsbeamten, eine Amerikareise unternommen. Hat man ihm dies auf der Kommandantur übelgenommen und durch die Verhaftung seinen Absprung verhindert?