Während die deutsche Filmproduktion nur zögernd Themen der jüngsten Vergangenheit aufgreift und meist, wie neuerdings wieder im Harlan-Film „Verrat an Deutschland“, sogleich versucht, vor klaren Erkenntnissen in den Nebel der großen Gefühle auszuweichen, packt der Funk – in mancher abendlichen Sendung, aber auch im Schulfunk – die heiklen Dinge an und scheut sich nicht, den Widerspruch herauszufordern. Wie sehr damit nicht nur der Redlichkeit des Bewußtseins von zeitgeschichtlichen Tatbeständen, sondern auch der Klärung konkreter Probleme von heute gedient sein kann, bewies die sehr scharfe und rückhaltlose Diskussion, die der NWDR Hamburg um Erich Kubys Hörfolge vom Fall der Festung Brest 1944 veranstaltete und als Nachtprogramm sendete. Kuby hatte (mit vielleicht überscharfen Angriffen auf den Fallschirmjägergeneral Ramcke) die Verteidigung von Brest als ein sinnloses Hinopfern von deutschen Soldaten dargestellt, als einen Parallelfall zu Stalingrad. In der Diskussion bestätigten die anwesenden Militärs, darunter ein Generalstäbler vom Amt Blank, Kubys Kritik. Und die Hörer wurden einmal Zeugen, wie der Versuch eines Diskussionsteilnehmers, um Hitlers Kriegsführung nachträglich eine Glorie zu weben, scheiterte.

Die Kunstform der Hörfolge bewahrte sich in ihrer aktuellen Funktion noch zweimal in dieser Woche: in Heinz Schröters Hörbild „Das Ende an der Wolga“ (NWDR Köln) und in Erwin Wickerts Feature „Verrat in Ottawa (Rias). Schröter hatte in die knappe Zeit von vierzig Minuten eine Fülle von originalen Dokumenten und Augenzeugenberichten zusammengedrängt, die überzeugender als jede rückschauende Kritik bewiesen, welches unfaßbare Maß von Verantwortungslosigkeit sich damals mit dem Pathos der „Verantwortung“ drapierte. Und wie zwingend ergab sich, ganz ohne Kommentar, die zweideutige Haltung des Oberbefehlshabers Paulus, der weder das militärisch Vernünftige tat noch mit Hitlers Durchhalteparole für seine Person Ernst machte!

Wickert erzählte in dramatisch lebhaften, aber den historischen Vorgängen peinlich treuen Dialogen von jenen Tagen im September 1945, in denen die kanadische Regierung um ein Haar – aus Loyalität gegenüber dem Moskauer Verbündeten – das entscheidende Aktenmaterial über die Atomspionage samt seinem Überbringer, dem Dechiffrierbeamten Gusenko, den Sowjets wieder ausgeliefert hätte. Auch dies eine höchst aktuelle Erkenntnis: die Warnung vor allem biederen Vertrauen in Zusagen und Angebote aus Moskau ...

Donnerstag, 10. Februar, 20 Uhr vom NWDR:

Musik, im Hörspiel sonst meist nur unterstützend, ist in Norman Corvins „Doppelkonzert“ das Thema: ein klassisch-tonaler und ein hypermoderner Komponist versuchen, einander bei einem Wettkampf auszustechen. Eine glänzende Gelegenheit zur Parodie für die Funkkomponisten Siegfried Franz und Hans-Martin Majewski.

21.00 aus Stuttgart: Carl Schuricht dirigiert die „Alpensymphonie“ von Richard Strauß. – 22.10 vom NWDR: Als „lustiges Duett zwischen Hamburg und Köln“ die 19. Folge von Josef Müller-Mareins „Lieblingsmusik des Herrn X“. – 22.15 aus Bremen: Kompositionen für Kammermusik von Bohuslav Martinu. – 23.15 vom SWF: Kammermusikwerke von Ernest Bloch, Hindemith, Martinet und Boris Blacher. – 23.15 vom NWDR: Das Vegh-Quartett spielt die Lyrische Suite von Alban Berg. – 0.05 aus München: Drei Sonaten von Paul Hindemith.

Freitag, 11. Februar, 21 Uhr vom Südwestfunk: