Nicht nur der Mann auf der Straße ist in der Regel der Meinung, daß man sich gegen Atomwaffen, zumal in einem so engen, dichtbesiedelten Lande wie Westdeutschland, nicht wirksam schützen könne. Auch Männer in prominenten wirtschaftlichen und politischen Stellungen, wie beispielsweise, so erzählt man sich, der bayerische Ministerpräsident Högner und mancher andere sehr bekannte Politiker, erliegen dieser fatalistischen Gleichgültigkeit, die zur Unterschätzung der möglichen Schutzmaßnahmen verleitet.

Sicherlich gibt es starke Argumente für diesen Pessimismus. Ein Düsenbomber kann in zwölf bis fünfzehn Minuten aus der Sowjetzone nach Köln fliegen. Bei der kurzen Warnzeit, die da noch bleibt, wird man den Luftschutzraum in drei bis vier Minuten erreicht haben müssen. Unter diesen Umständen verlieren große Massenbunker ihren Sinn. Man wird daher wohl auch keine neuen mehr bauen. Um so wichtiger wird aber damit der nahe kleine Schutzraum, den nicht nur jeder Betrieb, sondern auch jedes Privathaus wird haben müssen. Schon eine verhältnismäßig leichte Verstärkung der Kellerdecke (ein Kostenaufwand von 1500 bis 2000 DM) kann im Ernstfalle viel Schutz bieten. Wir bauen jährlich 500 000 Wohnungen und sind mit Recht stolz darauf. Aber an diese Sicherung hat man bisher leider nicht gedacht. Man sollte hier, wie es in Amerika geschieht, durch die steuerliche Absetzbarkeit der Kosten einen Anreiz schaffen.

Man wird die Städte noch weiter auflockern müssen, als es bereits beim Aufbau mehrerer Städte geschehen ist. Die Verlagerung von Industriebetrieben an den Stadtrand oder, noch besser, einige Kilometer darüber hinaus, sollte systematisch betrieben werden, wie es in den Vereinigten Staaten seit Jahren geschieht. Man wird einwenden, das sei dort angesichts des riesigen Raumes leichter; dort könne man ausweichen, hier aber nicht. Nun, auch in den Vereinigten Staaten sind 50 v. H. der Industrie in 40 Städten konzentriert und 27 v. H. in nur fünf Städten. In den 70 kritischen Zielgebieten arbeiten etwa 67 Millionen Menschen. Der Prozentsatz der dort stationierten Kriegsindustrie ist noch größer. Trotz der weiten Entfernungen, die von feindlichen Flugzeugen zu überwinden wären, rechnet man in Amerika damit, daß 70 v. H. der Flugzeuge ihre Ziele erreichen würden. Bei einer großen gemeinsamen Luftschutzübung in den Vereinigten Staaten und Kanada wurden als Verluste in den Vereinigten Staaten 5,3 Millionen Tote und 2,3 Millionen Verwundete angenommen, in Kanada 200 000 Tote und 260 000 Verletzte.

Nach einer amerikanischen Verlustkalkulation würden sich für Köln und das betroffene umliegende Gebiet mit einer Gesamtbevölkerung von etwas über einer Million Menschen, wenn eine Wasserstoffbombe von 100 X (2 Millionen Tonnen Trinitrotoluol, wobei X gleich der Hiroshimabombe ist) in etwa 1400 m Höhe abgeworfen würde, folgende Verluste ergeben: ohne teilweise Evakuierung, ohne Warnung, ohne Schutzräume 230 000 Tote, 260 000 Verletzte, bei teilweiser Evakuierung mit Warnung und mit Schutzräumen 20 000 Tote und 70 000 Verletzte. Die zerstörenden Wirkungen bei der Detonation einer Atombombe werden durch Druck, Hitze und radioaktive Strahlungen bewirkt. In einem Umkreis von 800 bis 1000 Meter von der Explosionsstelle, der sogenannten Zone A, tritt vollständige Zerstörung ein, gegen die es kaum einen Schutz gibt. Was aber außerhalb dieser unmittelbar betroffenen Zone liegt, hat Schutzmöglichkeiten, die man nun auch bei uns wird sorgfäkig vorbereiten Flüssen, wie dies in anderen Ländern seit langem geschieht. Wir waren freilich noch vor kurzem durch die Kontrollratsgesetzgebung daran gehindert.

In England, wo die Verhältnisse ähnlich sind wie bei uns, gibt man jährlich etwa 200 Millionen DM für den Luftschutz aus, und das regelmäßig seit Jahren; in Schweden 40 Millionen, und auch dort geschieht das seit mehreren Jahren. Unser Luftschutzbudget sieht demgegenüber armselig aus: nicht ganz 14 1/2 Millionen DM erstmalig im neuen Haushaltsjahr. Es streiten sich Bund, Länder und Gemeinden darüber, wer die Kosten bezahlen soll. Ein Vorschlag, sie zu je einem Drittel auf den Bund, die Länder und die Gemeinden zu verteilen, fand keine Zustimmung. Man streitet sich weiter über die Kompetenzen im Luftschutz. Es versteht sich, daß der Bund das Recht einer zentralen Steuerung haben muß. Die Länder werden seine Weisungen in Auftragsverwaltung auszuführen haben. Man wird auch die verfassungsmäßigen Schwierigkeiten überwinden müssen, die sich aus der so stark im Föderalismus wurzelnden Stellung der Gemeinden ergeben. Früher gab es eine einheitliche Gemeindeordnung (sie ist bereits in der Weimarer Republik ausgearbeitet, wenn auch erst 1935 verkündet worden). Jetzt haben wir 13 verschiedene Gemeindeverfassungsgesetze. Der Schwerpunkt des Luftschutzes liegt in den großen Gemeinden. Organisationsbestimmungen, die wegen der verschiedenen Gemeindeverfassungen für das eine Land passen, sind für das andere unbrauchbar. Hier wird man um eine Grundgesetzänderung nicht herumkommen. Wie man hört, soll in Kürze dem Bundeskabinett ein Luftschutzprogramm vorgelegt und nach dessen Billigung dann das bereits vorbereitete Luftschutzgesetz fertiggestellt werden.

Zu einem Luftschutzprogramm gehört – auch hier ist das amerikanische Beispiel lehrreich – die Anlegung von Notvorräten, besonders medizinischen Vorräten. Die schädliche Einwirkung der radioaktiven Strahlen kann durch Bluttransfusionen bekämpft werden. Dafür wurden in den Vereinigten Staaten Vorräte (Blutkonserven) im Werte von mehr als 100 Millionen Dollar angesammelt. Nun wurden auch bei uns 2 Millionen DM für diesen Zweck ins Budget gestellt. Für den Aufbau eines Luftschutzwarndienstes wird man weit höhere Mittel als im Haushalt 1955 (4,5 Millionen) aufwenden müssen. Auch die Kosten für Erprobungen, Erforschungen und Entwicklungen (6,5 Millionen) sind viel zu niedrig angesetzt. Es wird eine systematische Aufklärung der Bevölkerung erfolgen müssen. Der Besitz eines Geiger-Gerätes (das ist eine Ausgabe von etwa 20 DM) kann im Ernstfalle von schicksalhafter Bedeutung sein.

Man wird auch bei uns um einen ehrenamtlichen Luftbeobachtungsdienst nicht herumkommen. Man schätzt, daß dafür 10 000 Personen ausreichen dürften. In den Vereinigten Staaten sind in diesem ehrenamtlichen Dienst 270 000 Personen tätig. Die klassischen Luftschutzmaßnahmen sind auch heute nicht entwertet, wenn auch, wie erwähnt, die großen zentralen Bunker für uns ihre Bedeutung verloren haben. Robert Strobel