Wer das Porträt eines in Ungnade gefallenen kommunistischen Funktionärs zeichnen will, tut gut, sich einmal wieder anzusehen, was die Parteizeitungen über diesen Mann geschrieben haben, als er im Zenith seines Ansehens stand. Ich habe mir also am Tage nach der der Absetzung Secchias durch Togliatti die umfangreiche Biographie aus meinem Archiv geholt, die die parteiamtliche Zeitung Unità im Dezember 1953 dem „hervorragenden, mutigen und rastlos tätigen Genossen“ am Tage seines fünfzigsten Geburtstags widmete. Aus ihr geht hervor, daß Secchia, am 19. Dezember 1903 in der norditalienischen Provinz Bielle (aus der auch Pella stammt) geboren, schon mit sechzehn Jahren als sozialistischer Agitator und Organisator hervortrat und in seinem Dorf eine Jugendgruppe gegründet hatte.

Wir sympathisieren mit keinem Kommunisten – aus dem einfachen Grunde, weil Kommunisten ihr Vaterland verraten, um den Interessen einer fremden Macht zu dienen. Aber immerhin ist Secchia Maurer und Mechaniker gewesen und hat sich, wenn auch nur kurze Zeit, sein Brot im Schweiße seines Angesichts verdient, während Palmiro Togliatti sein Leben lang niemals gewußt hat, was Arbeiten heißt. Was steht in der Unità vom 19. Dezember 1953 zu lesen? „Der Aktivismus Secchias zwischen 1927 und 1932 grenzt ans Wunderbare. Er war so verwegen und so unermüdlich, daß der Genosse Longo ihn mit Anspielung auf den damals unschlagbaren Radrennfahrer Bottecchia nie anders als ‚Botte‘ nannte. Secchia fuhr wie der Wind in Italien und im Ausland umher und bereitete in den ersten Monaten 1931 die Teilnahme der italienischen Kommunisten am Kölner Kongreß der KP vor.“ Am 3. April 1931 wurde Secchia von der italienischen Polizei verhaftet. „Togliatti“, heißt es weiter in der Unità von 1953, „teilte die Nachricht vom Rednerpult aus mit, und der Parteitag nahm stehend von der Verhaftung des Genossen ‚Botte‘ Kenntnis. Er wurde zum Ehrenpräsidenten der Versammlung gewählt, für deren Zustandekommen er seine Freiheit geopfert hatte.“

Erst am 13. August 1943, nach dem Sturz Mussolinis, erhielt Secchia die Freiheit wieder. Nun stand seinem politischen Aufstieg nichts mehr im Wege: er wurde stellvertretender Generalsekretär der Partei, Mitglied des Nationalrats, Abgeordneter der Verfassunggebenden Versammlung und endlich Senator. „Heute gehört Secchia“, so schloß der Biograph vom 19. Dezember 1953, „zu den Genossen, deren Leben sich ganz und gar mit der Existenz der Partei identifiziert. Aber seine Biographie ist nicht nur die eines Parteimannes. Es ist die eines Italieners, der in seiner Geschichte als Mann und Kämpfer die lebendige und leidenschaftliche Verkörperung eines Stückes italienischer Geschichte darstellt.“

Ob der Biograph von damals seine Sätze heute wiederholen würde? Er wird mir die Antwort schuldig bleiben, aber ich glaube, im Innern seines Herzens wird er ja sagen. Der Bruch zwischen Togliatti und Secchia und Secchias Versetzung auf einen subalternen Posten nach Mailand hat viele Kommunisten in einen Gewissenskonflikt gebracht. Denn der Italiener hat, neben manchen Mängeln, einen unbestreitbaren Vorzug: wenn man ihm Zeit zur Überlegung läßt, sieht er die Dinge, wie sie wirklich sind. Damit will ich nicht sagen, daß Secchias Anhänger nun zu Antikommunisten geworden wären. Aber es gibt jetzt eine psychologische Krise in der italienischen KP, die Aufmerksamkeit verdient, wenn man sich auch vor Illusionen über ihre praktischen Folgen hüten soll.

Welches waren die Anlässe zum Bruch? Secchia ist ebenso wie Longo (der gleichfalls von Togliatti gemaßregelt und aus der kommunistischen Fraktion ausgeschlossen wurde) der Ansicht, daß Togliatti falsche Ansichten über den Atomkrieg hat, wenn er meint, man solle mit allgemein humanitären Argumenten gegen die Imperialisten polemisieren, nicht aber, wie Malenkow verlangt, mit klassenkämpferischen. Außerdem wirft er Togliatti vor, daß er bei der Mitgliederwerbung mehr auf Quantität als auf Qualität sieht.

Wir wissen natürlich nicht, welche delikateren Meinungsverschiedenheiten bei den Sitzungen der Parteikonferenz im Januar zur Sprache gekommen sind. Jedenfalls ergibt sich – um auf den Kern der Sache zu kommen –, daß wir es mit einer neuen „kommunistischen Strömung“ zu tun haben, an deren Spitze diesmal nicht nur drei oder vier Personen stehen, sondern eine ganze Reihe Alter und Junger, Intellektueller und Facharbeiter, Verärgerter und Unzufriedener, von denen viele über die wenig demokratischen Methoden der Parteileitung und ihre Intoleranz gegen jede Kritik mißvergnügt sind. Die italienische KP ist in ein Stadium eingetreten, das für alle Parteien, und die totalitären ganz besonders, charakteristisch ist: Die Älteren sind arriviert, führen ein flottes Leben, haben Automobile, schöne Häuser und Dienstboten und machen bei den Jüngeren den Eindruck, als sei ihnen in der Politik der Status quo wichtiger als die Interessen der Arbeiterklasse. Dazu kommt, daß das ursprünglich verkündete Ziel der Revolution mehr und mehr in die Ferne gerückt ist und daß niemand mehr von Machtergreifung spricht. Inzwischen verliert bei den Betriebsratswahlen in den Fabriken die kommunistisch gelenkte Confederazione Generale Italiana del Lavoro mehr und mehr an Terrain zugunsten der freien Gewerkschaften.

Dennoch: es wäre verkehrt, sich der Illusion hinzugeben, daß eine ernstliche Spaltung in der KP eingetreten ist, die weitreichende Folgen haben müßte. Möglich ist auch das, aber man darf nicht voreilige Schlüsse ziehen. Die Geschichte der totalitären Parteien, der bolschewistischen wie der nazistischen und der faschistischen, zeigt, daß „Abweichungen“ noch niemals die Kraft gehabt haben, die Struktur der Partei selbst zu zerstören. In Rußland haben oppositionelle Elemente, wie Trotzky Kamenew Sinowjew und Radek, ihre Opposition mit dem Leben oder dem Straflager bezahlt. In Deutschland ereilte Gregor Strasser und Röhm das gleiche Schicksal, und für Italien wäre an Misuri, Torre Sala und andere gegen Mussolini unterlegene Faschisten zu erinnern, deren Namen heute kaum noch jemand in Italien kennt. Auch die italienische KP hat Beispiele dafür aufzuweisen. So hat noch in jüngster Zeit der Austritt der Kammerabgeordneten Cucchi und Magnani nach einer Rußlandreise der Partei nicht mehr als eine kleine Schramme zufügen können,

Das italienische Bürgertum hat am allerwenigsten Grund, sich über den mehr oder minder offenkundigen Bruch zwischen den hohen Funktionären zu freuen; denn dieser ist keineswegs durch erfolgreiche antikommunistische Aktivität der bürgerlichen Parteien oder gar der Regierung herbeigeführt worden. Secchia, Longo und ihre Gruppe sind als Romantiker entlarvt worden, während Togliatti mehr als je auf dem Boden der Wirklichkeit steht – das heißt, den Direktiven aus Moskau folgt. Italo Zingarelli