Fasse ich meine Dresdener Erfahrungen kritisch zusammen, so kann ich ohne Ressentiment sagen: viel gelernt habe ich in dieser Lehrzeit nicht. Was ich in den zwei Akademiejahren erfuhr, bildete sich im Umfang mit meinen Freunden oder in der Begegnung mit Bildern heraus.

Möglichst alles zeichnen zu lernen, erschien mir eine wichtige Vorbedingung für den Illustratorenberuf. Ich nahm daher diese meine Spezialausbildung in die Hand, denn auf der Akademie gab es keine solchen Naturstudien. Ich zeichnete viel zu Hause, meist aus dem Kopfe. Und zwar viel Karikaturen, was auch wichtig war, denn von den Karikaturen bin ich bald zu den Japanern gekommen, dann zu Daumier und zu dem seinerseits von den Japanern ausgehenden Toulouse-Lautrec. Ich stand unter dem Einfluß von „Simplizissimus“-Zeichnern, Bruno Pauls, eine Zeitlang sogar eines Plakatmalers namens Klinger und des Buchkünstlers und Illustrators Emil Preetorius, dessen japanisierende, langbeinig bewegte Figuren mich begeisterten. Und so zeichnete ich drauflos und sandte unverdrossen meine Arbeiten den Redaktionen.

Eines Tages – ich hatte wieder in banger Erwartung ein paar Blätter an den „ULK“, die Witzbeilage des „Berliner Tageblattes“, geschickt, bekam ich die Mitteilung, daß eine kleine Zeichnung angenommen sei und in einer der nächsten Nummern erscheinen werde. Mein Stolz war unbeschreiblich. Als Honorar erhielt ich zwölf Mark, und in Erfüllung eines langgehegten Wunsches kaufte ich mir ein Paar amerikanische Lackhalbschuhe. Ein zweites Mal empfand ich Freude und Stolz, als ich dann meine Zeichnung wirklich gedruckt sah. Natürlich schickte ich meiner Mutter ein Exemplar des „ULK“ nach Stolp und schrieb, die Malerei sei eben doch kein so ganz brotloser Beruf, und ich trüge sogar Lackhalbschuhe wie der Landrat.

Wie naiv das alles war! Ich war eben erst siebzehn Jahre geworden, als ich den schmalen hinterpommerschen Feldweg verließ und mich auf die breite, glattgewalzte Chaussee der Witzblattillustration begab. Wie gesagt, ich war nicht „kunstgebildet“. Der Wertbegriff „Kunst“ spielte für mich gar keine Rolle. Mir kam es darauf an, mit meiner Begabung etwas zu verdienen; ich betrat den großen Zirkus nicht als idealistischer Degenschlucker oder Feuerfresser, sondern ich wollte einfach die Zuschauer mit unterhalten, nett zu ihnen sein und ihnen in netter Weise ihr Geld abnehmen. Von der Ecke, in der die Schlangenbändiger und Menschenverbesserer ihr Wesen trieben, hielt ich mich sorgfältig fern. Wie und warum ich dann doch der wurde, der ich heute bin, ist mir unbekannt. Vielleicht sind eben manche Menschen wie Zwiebeln, bei denen immer neue Häute zum Vorschein kommen. Ich glaube, als ich an den Schalter kam, gab mir der Schalterbeamte mehrere Billette auf einmal. Ich fragte natürlich: „Warum bekomme ich mehrere Billette, und der vor mir und der neben mir kriegen nur eins?“ „Ja“, sagte der Beamte, den ich zwar nicht sah, aber dessen Stimme ich hören konnte, „du bekommst mehrere Billette, weil du auf deinem Wege mehrmals umsteigen mußt“ – und das mußte ich dann auch mehrmals, von einer unteren in eine obere Klasse und umgekehrt.

Wir lebten in den letzten harmlosen, einfachen, ja fröhlichen Jahren vor dem ersten Weltkrieg, noch nicht in der von Nietzsche vorausgedachten Welt. Die Übermenschen, die zerstörerischen Machiavellis waren zwar schon da. Die Uhren waren schon gestellt. Es gab schon Hitler, Mussolini und Lenin; auch sie hatten schon ihre Fahrkarten und wußten vielleicht sogar, wo sie umzusteigen hatten. Aber die Zukunft war noch verhüllt. Ich war damals ein freundlicherer Mensch als heute, und so bot sich mir die Welt auch freundlicher dar. Heute weiß ich, daß ich einen Weltuntergang miterlebt habe, und daß die letzten Jahre der alten versunkenen Welt die unbewußten und daher glücklichsten meines Lebens gewesen sind. Die Träume, die damals geträumt wurden, stammten meist von einfachen Idealisten. Man sprach zum Beispiel oft vom sogenannten Bebelschen Zukunftsstaat. Bebel war damals der Führer der deutschen Sozialdemokratie, und diese wieder war in Deutschland eine Art Kinderschreck. Später erwies sich der schöne Bebeische Zukunftsstaat als eine Seifenblase. Ich erwähne ihn nur, weil er damals stark im Vordergrund stand. Daß ich vollständig unpolitisch war, versteht sich von selbst.

Man vergesse nicht, daß ich hier von einer Zeit berichte, die noch rokokohaft zivilisiert war und in der die Politik überhaupt nicht so interessierte oder zu spüren war wie heutzutage. Man lebte in einer ruhigen und billigen Welt, hatte seit fast fünfzig unwahrscheinlichen Friedensjahren kein Blut gerochen und war so „verweichlicht“ worden, daß das kleinste bißchen menschlichen Unrechts allgemeine Aufregung hervorrief. Ich besinne mich noch, wie sich ein paar arme Asylisten mit Methylalkohol vergifteten und sechs davon starben. Mein Gott, was für ein Gezeter und Protestgeschrei gab es da in allen Blättern! Die bolschewistisch-faschistische Menschenverachtung: der Mensch als Nummer ohne Eigennamen – all das war noch fern. Nicht allzufern, aber immerhin waren es doch noch Jahre, in denen es noch „Menschenrechte“ gab.

Eines Tages wurden in Dresden zwei Zeichnungen von mir angekauft: ein Männerakt in Kreide und eine phantastische Federzeichnung „Der gelbe Tod“. Außerdem bekam ich ein Diplom und ein Ehrenzeugnis, als ich 1912 nach Berlin ging, weil ich dort ein Staatsstipendium erhalten konnte. An der Dresdener Akademie ging das nicht, da ich kein gebürtiger Sachse war. Davon abgesehen: in Berlin lag meine Chance. In Berlin war „was los“. Es wurde mehr und mehr Mittelpunkt. In der Kunst hatte es die alten Zentren München, Düsseldorf und Dresden überflügelt. In Berlin lebten die Führer der modernen deutschen Malerei: Max Liebermann, Lovis Corinth, Max Slevogt – das Dreigestirn des deutschen Impressionismus. Man war fortschrittlich in Berlin. Man zeigte in den Kunsthandlungen neben Cézanne und Van Gogh auch jüngere französische Maler wie Picasso, Matisse, Derain und andere, die gerade anfingen, bekannt zu werden. In Berlin gab es wunderbare Theater, einen Riesenzirkus, Kabarette und Revuen. Bierpaläste so groß wie Bahnhofshallen, Weinpaläste, die durch vier Etagen gingen, Sechstagerennen, futuristische Ausstellung, internationales Tango-Tanzturnier und Strindbergzyklus im Theater an der Königgrätzer Straße – das war Berlin, als ich dort hinkam.

Fiedler – ein Freund aus Dresdener Tagen – war schon vor mir hingezogen. Er lebte in einem Vorort, in Südende; ich suchte ihn sofort auf. Wir beschlossen, gemeinsam eine kleine Wohnung zu nehmen. (Wird fortgesetzt)