Paris, im Februar

Ein volles Jahrzehnt Nachkriegsmode hat bewiesen, daß sich die französische Haute Couture um ihre Vorrangstellung einstweilen keine Sorgen zu machen braucht. Allerdings verdankt sie dies nicht nur der beträchtlichen Zahl überragender Talente, deren Namen bereits Haushaltsworte im Leben der Frauen aller westlichen Länder geworden sind, sondern auch dem unheuer komplizierten, fein verästelten Apparat, der den Zubringerdienst der verschiedenen Industrien, mit denen der Schneider Hand in Hand arbeitet, reguliert. Er sorgt für das fein abgestimmte Zusammenspiel aller großen und kleinen Kräfte, für die so absichtslos erscheinende Koordination von Handwerkszweigen und Industrien, von Künstlern, Kunsthandwerkern und Arbeitern, die heute mit der gleichen – wenn nicht gesteigerten – Intensität wie in den 20er und 30er Jahren den Boden vorbereiten und fruchtbar machen helfen, Inspirationen der Couturiers sich verwirklichen lassen können. Die jungen Couturiers, die Nachkriegssterne – von denen einer der Begabtesten – Jacques Fath – zu früh erloschen ist – haben gemeinsam mit der älteren Generation geholfen, von Paris aus die Weltmode wieder in bestimmte, vorsichtig umrissene Bahnen zu lenken. Sie sind als Erben jener alten Tradition zu werten, du zum savoir vivre auch das modische Verständnis rechnet. Es ist vielleicht charakteristisch für diese Atmosphäre, daß es ein bekannter Pariser Couturier war, der einst sagte: „Über den Geschmack läßt sich eigentlich nicht streiten ... denn es gibt nur einen – und zwar den guten Geschmack.“

Zwar drehten sich die Diskussionen der Fachleute am Vortage der großen Kollektionen weniger um Bonmots oder etwaige revolutionäre Überraschungen, als um die Frage: „Wie werden sich die Mitglieder der Haute Couture zu der im Herbst so heftig angefeindeten, dann aber allmählich vertraut gewordenen H-Linie stellen? Werden sie sie ignorieren oder ablehnen und damit Abertausende von Konfektionskleidern zu Ladenhütern machen?

Daher ging ein Aufatmen der Erleichterung durch die noch dichter als sonst gedrängter. Reihen der Zuschauer, als die ersten sechs Schauen erkennen ließen, daß ihre Schöpfer die Parole von der unterbetonten Büste und der gelockerten Taille aufgenommen haben.

Christian Dior sagt, daß sein neues Leitmotiv für die Sommersilhouette am besten und deutlichsten durch den Buchstaben „A“ symbolisiert wird, der die gleiche Querteilung wie das „H“ und daher auch einen gewissen Verwandtschaftsgrad aufweist. An die Stelle der beiden parallelen Vertikalen treffen sich jetzt zwei Diagonalen – – genau wie beim Druckbuchstaben A – pyramidenförmig. Aus dieser etwas geometrischen Erklärung geht, bereits hervor, daß strenge Geradheit von schwingender Bewegung abgelöst wird. Die dadurch bewirkte Auflockerung des Gesamtbildes geht noch weiter: der Querstrich, sozusagen die Gürtellinie beider Buchstaben, darf neuerdings seinen angestammten Platz verlassen: er kann nach Belieben herauf- oder heruntergeschoben werden. Der langgestreckte Oberkörper mit der in natürlicher Höhe leicht nachgezeichneten Körpermitte bleibt erhalten. Neu sind der wandernde Ansatz des Rockes und das mutwillig „ausfallende“ Benehmen dieser kurzen Falten- und Glockenröcke, die dem Frauenbild des Sommers 1955 den pikanten Schwung geben. Um das gewählte Motto lapidar und nachdrücklich zu verwirklichen, hat Dior die Oberpartie seiner Kleider, Jacken und Mäntel von allen Ornamenten, die die Aufmerksamkeit ablenken könnten, bewußt freigehalten. Die Schultern sind natürlich und unbetont, die Ärmel – soweit vorhanden – kurz oder dreiviertellang und schmal. Kragen werden zuweilen durch kleine bandähnliche Gebilde angedeutet, die rückwärts lose und spielerisch in einer Schleppe herunterhängen.

Der eigentliche Akzent liegt auf der Hüfte, wo eine Blende, ein ein- oder aufgesetzter Gürtel, eine Schärpe, eine aufgeknöpfte Patte oder eine klassische Schleife für Unterteilung sorgen. Am Abend debütiert allerdings noch eine andere, ungewohnte Variante: die wandernde Taille schlängelt sich zuweilen in Gestalt eines Gürtelfragments oder Bändchens bis unmittelbar unter die Brust herauf und ruft vage Erinnerungen an Directoire-, Empire- und Prinzeßtendenzen wach.

Durch den vielfältig abgestuften Rockansatz, der nur manchmal auf der normalen Körpermitte liegt, hat Dior für alle Frauen gesorgt, deren Figur der orthodoxen A-Linie nicht folgen kann. Diors sommerliches Modebild bietet Alternativen, die viele Verwandtschaftsgrade willkommen heißen. Denn es sind auch nicht alles Glocken, Falten oder üppige Weite, was als Rock in Taillen oder Hüfthöhe angesetzt ist: schmale, gerade Röcke sind, obwohl sie keinen Neuheitswert mehr haben, unter dem A-Regime noch nicht ausgestorben. Die Mode ist wieder dem gelösten, hyperschlanken, gestreckten, jungmädchenhaften Frauenbild angepaßt, das das Schönheitsideal unserer Epoche ist. Elisabeth Rüssel