Rundfunk und Fernsehen sind traditionell unruhig. Das gilt für die kulturelle, organisatorische und politische Seite nicht minder wie für die wirtschaftliche. Daraus ergeben sich Kontroversen, so daß die verschiedenen Meinungen über die wirtschaftliche Lage dieses so wichtigen Bereiches selten oder nie übereinstimmen. Der Großhändler, der Einzelhändler, der Fabrikant: ein jeder sieht die Dinge unter einem anderen Blickwinkel. Rechnet man die anhaltenden Marktverschiebungen, das Einplaner des Fernsehens und manche andere Erscheinungen hinzu, so wird die Schwierigkeit deutlich, mit der der Chronist bei einer objektiven Beurteilung realen muß.

Trotzdem können wir uns an einige feststehende Tatsachen halten. Obwohl die Produktionszahlen der Radiogerätefabriken für Dezember 1954 noch nicht vorliegen, darf angenommen werden, daß 1954 mit einer Fertigung von 2,82 Mill. Geräten abgeschlossen hat. Die Mehrproduktion (1953 = 2,680 Mill Rundfunkempfänger) geht eindeutig auf das Konto der schneller laufenden Bänder im ersten Halbjahr 1954; im zweiten Halbjahr wurde die Produktion gedrosselt, nicht zuletzt als Folge eines hohen Lagerbestandes in der Industrie (rd. 380 000 Stück im September). Diese realistische Anpassung an die Nachfrage war klug; trotzdem scheinen die Lagerbestände in der Rundfunkwirtschaft zum Jahreswechsel relativ groß gewesen zu sein.

Von den hergestellten 2,8 Mill. Rundfunkgeräten sind ungefähr 880 000 Stück exportiert worden, also über 65 v. H. mehr als 1953. Die Überlegenheit der deutschen UKW-Technik und die geschickte Propagierung der „3-D-Tonabstrahlung“ verbesserten vorwiegend die Europa-Exporte, zumal in einigen europäischen Ländern UKW-Sendernetze erstellt werden. Für Übersee fertigen fast alle Firmen Spezialmodelle mit weit gespreiztem Kurzwellenteil; sie stehen hier im Wettbewerb u. a. mit englischen Geräten, die andererseits in Europa kaum noch eine Konkurrenz bilden. Der USamerikanische Rundfunkhörer interessiert sich zunehmend für deutsche Empfänger, nachdem der Amerikaner den „guten Klang“ entdeckte. „Highfidelity“ ist drüben das Schlagwort für beste Tonwiedergabe und hat eine förmliche Bewegung ins Leben gerufen. Diesem Trend kommen die deutschen Empfänger sozusagen von Hause aus entgegen. Grundig konnte durch seinen Vertrag mit „Majestic“ und anderen Firmen – etwa Blaupunkt, Telefunken, Saba, Siemens, Nordmende und Metz – durch ihre Vertreter gewisse Erfolge in den USA buchen, die sich bereits in einer Gegenbewegung amerikanischer Hersteller in Richtung auf eine Zollerhöhung äußerten, Philips hatte, nicht zuletzt durch die Unterstützung seiner internationalen Organisation, ebenfalls sehr gute Exportumsätze.

1954 sind 17 400 Fernsehempfänger exportiert worden (1953: 3400). Dieser Zweig erfordert besondere Anstrengungen; denn in einigen Hauptabnehmerländern, etwa in Belgien, müssen Spezialmodelle für vier Normen verkauft werden.

Für das Inland standen 1954 rd. 1,9 Mill. Geräte zur Verfügung (etwa 200 000 weniger als 1953). Die Absatzlage war recht unterschiedlich, sowohl regional als auch bezüglich der einzelnen Unternehmen. Einige Fabriken gewannen an Marktanteil, andere verloren. Aus dem Großhandel verlautet, daß, im Durchschnitt gesehen, die Umsätze in „Heimgeräten“ (Tischempfänger) im Wert um etwa 15 v. H. abgesunken sind als Folge einer leichten Bevorzugung billiger Modelle und eines fühlbaren Rückganges bei teuren Großsupern. Hingegen zog der Umsatz in Musikvitrinen und Musiktruhen mit eingebautem Plattenwechsler steil an und brachte zusammen mit erheblich erhöhten Umsätzen in Schallplatten (etwa 20 v. H.) den Umsatzausgleich.

Das Fernsehen bildet in West- und Süddeutschland einen besseren Umsatzfaktor als in Norddeutschland. Die Produktion von annähernd 145 000 Geräten im vergangenen Jahr (abzüglich der erwähnten Exportmenge von 17 400 Geräten) floß reibungslos ab. Der Höhepunkt lag im Noherüber; der Dezember war schwächer. Die 43-cm-Bildröhre ist augenblicklich der Favorit; die 53cm-Bildröhre beginnt jedoch interessant zu werden, während das kleine Format (36-cm-Bildflächendiagonale) zur Zeit keine Chancen am Markt hat.

Die letzte Januarwoche begann mit einer großen. Überraschung: Führende Hersteller setzten die Preise für das 43-cm-Tischgerät um 200 DM niedriger auf 698 DM fest, und es hat den Anschein, als ob damit die Preise ganz allgemein in Bewegung gekommen sind. Nun ist es unmöglich, eine solche Preissenkung nur auf Kosten der Hersteller durchzuführen. Vielmehr sind die Handelsspannen für diese Geräte drastisch gesenkt worden; ungefähr 75 v. H. der Senkung geht auf diese Weise zu Lasten des Handels. Die Industrie kann nämlich mit gutem Grund auf die bereits anormal niedrigen Werkausgangspreise verweisen, hervorgerufen durch laufende Bruttopreissenkungen seit Beginn des deutschen Fernsehens und leichte Erhöhungen der Handelsspannen während dieser Zeit.