Falsche Urteile durch erpreßte Geständnisse – Modernste Foltermethoden

Das Problem des Justizirrtums ist so alt wie die Justiz selbst. Das 19. Jahrhundert kennt einige berühmte Fälle, die Dreyfus-Affäre zum Beispiel, die Frankreich jahrelang in zwei Lager zerriß. Damals ging es um die Frage, ob die Justiz das moralische Recht habe, Menschen ihrer Freiheit zu berauben und hinzurichten, deren Schuld nicht vollkommen sicher erwiesen schien. Heute dagegen ist das Problem nicht mehr, daß die Schuld nicht genügend, sondern daß sie zu gut bewiesen wird. Im Jahrhundert der Massenproduktion gibt es alles im Überfluß, Beweise so gut wie Bedarfsgüter, und die schlechtesten Prozesse sind gerade jene, die besonders vollkommen aussehen, wo der Angeklagte alles gestand und die Zeugenaussagen erdrückend sind. Die Affäre Deshays ist hierfür das übelste Beispiel.

Am 7. Mai 1948 wird das Ehepaar Hémery nachts zu Hause überfallen. Der Mann wird ermordet, die Frau schwer verletzt, 17 000 Francs Haushaltgeld werden geraubt. Der Zuchthäusler Chauvin aus dem Gefängnis von Nantes hält sich in der Gegend verborgen. Als man ihn festnimmt, behauptet er, der Hafenarbeiter Deshays, bei dem er Unterschlupf fand, habe das Verbrechen begangen. Deshays leugnet zuerst, später legt er der Polizei ein Geständnis ab. Vor Gericht widerruft er und beteuert seine Unschuld. Dennoch wird er verurteilt, und zwar mit Rücksicht auf sein bis dahin vorbildliches Leben zu zehn Jahren Zwangsarbeit.

Erst 1952 gelingt es, die wirklichen Schuldigen zu fassen, Dutoy, Pruvost und Georgette Petit, die sich durch Prahlerei verraten hatten. Als man sie mit Deshays konfrontiert, erklären sie mit aller Entschiedenheit, ihn noch nie gesehen zu haben. Er wird also in Freiheit gesetzt, nachdem er vier Jahre unschuldig im Gefängnis war. Die Justiz jedoch, die auf die Form achtet, fand es unbefriedigend, daß hier für ein einziges Verbrechen zwei Prozesse geführt und beide Male ganz verschiedene Angeklagte verurteilt wurden, erst Deshays, dann die drei anderen. Sie hob die Urteile auf und stellte alle vier Angeklagten vor das Schwurgericht in Orleans. In diesem dritten Prozeß, der am 1. Februar mit einem Freispruch Deshays (er erhielt 5,2 Millionen Francs – etwa 60 000 DM– Schadenersatz) und mit der erneuten Verurteilung der drei anderen endete, waren die eigentlichen Angeklagten, oder sie hätten es jedenfalls sein sollen, die Polizeibeamten.

Brutale Methoden

Wie hatten sie von einem Unschuldigen solche Geständnisse erhalten können? Und was für Geständnisse! – so vollkommen, wie ein Richtergewissen sie sich nur wünschen kann. Wie sie zustande kamen, zeigt die schlichte Erzählung Jean Deshays’ vor Gericht: „Sie haben mich bei der Polizei verhört. Ich habe gesagt, ‚ich war es nicht‘. Da haben sie angefangen mich zu schlagen. Am Nachmittag war es ebenso, und abends auch, immer Schläge. Am nächsten Morgen kamen sie wieder, und es fing von vorne an. Sie sagten zu mir, ‚du hast es getan, gib’s zu‘. Dabei wußte ich nicht einmal, daß ein Verbrechen passiert war. Chauvin in der Nebenzelle rief mir schließlich zu: ‚Mein guter Jean, du mußt gestehen, sonst geht’s dir schlecht.‘ Aber ich sagte immer noch, ‚ich war es nicht‘. Dann haben sie mich schwer zusammengeschlagen. Als ich genug hatte, habe ich gesagt, ja ich war’s!“

Der entsprungene Sträfling Chauvin erklärte auch, warum er Deshays beschuldigt hatte. Er hatte sich bei der Flucht das Bein gebrochen, und um ihn zum Geständnis zu zwingen, traktierten die Polizisten das gebrochene Bein mit leichten Fußtritten.