Jeder Soldat kennt Schörner. Er war nicht einfach unbeliebt und gefürchtet, sondern weithin verhaßt, und dieser Haß ist noch unvergessen. So fordert alles seine Verurteilung. Schörner selbst, der sich über diese Bewillkommnung überrascht zeigt, wünscht sich zu rechtfertigen. In dem Wunsch nach einem Verfahren sind sich also alle einig. Nur die Staatsanwaltschaft sucht in der Flut der Entrüstung noch vergeblich nach festen Grundlagen für Anklage und Haftantrag.

Die gegen Schörner erhobenen Vorwürfe sind, soweit sich bisher übersehen läßt, dreifacher Art. Zunächst soll er, wie gesagt, Soldaten ohne ordnungsmäßiges Verfahren als Deserteure zu Tode gebracht haben. Hinrichtungen, die auf Befehl Schörners ohne ordnungsmäßiges Verfahren vollzogen sind, sind Tötungen im Sinne des Strafgesetzbuches – Morde, falls die in § 211 geforderten Merkmale besonderer Verwerflichkeit vorliegen. Hier käme wohl vor allem die Anwendung gemeingefährlicher Mittel – durch Befehle, die zahlreiche Menschen in Gefahr brachten – in Betracht, daneben vielleicht auch Grausamkeit, mit deren Annahme die Gerichte freilich sonst ziemlich zurückhaltend sind. Andernfalls könnte Schörner nicht als Mörder, sondern nur als Totschläger bestraft werden. Er könnte sich damit verteidigen, daß er seine Maßnahmen angesichts der außerordentlichen Umstände für unbedingt geboten und daher auch für zulässig gehalten habe. Man wird diese Verteidigung unvoreingenommen prüfen und sein Verhalten mit dem anderer Truppenführer in vergleichbarer Lage vergleichen müssen – keine leichte Aufgabe für ein Gericht.

Sodann wird Schörner vorgeworfen, er habe nach der Kapitulation noch weitergekämpft. Es ist jedoch schwierig, im deutschen Recht für die Bestrafung dieser Tat nach Aufhebung des Militärstrafgesetzbuches eine Grundlage zu finden. Wenn das heutige Recht keine anwendbare Vorschrift enthält, kann Schörner nach der seit 1953 geltenden Fassung des § 2 des Strafgesetzbuches nicht mehr nach den Gesetzen bestraft werden, die zur Zeit der Tat in Geltung waren. Das leider noch immer nicht ausdrücklich aufgehobene Kontrollratsgesetz Nr. 10 gestattet allerdings die Begründung der Zuständigkeit deutscher Gerichte für die dort genannten Verbrechen durch die Besatzungsbehörden. Solche Verbrechen könnten allenfalls darin erblickt werden, daß Schörner durch die Fortsetzung des Kampfes Gewalttaten an Deutschen ausgelöst hat. Doch sind solche Gewalttaten auch außerhalb seines Befehlsbereichs verübt worden. Gewiß war Prag – um nur einen Namen zu nennen – ein Höhepunkt des Terrors von 1945. Doch waren die postkapitulationären Kampfhandlungen deutscher Truppen wohl mehr Vorwand als eigentlicher Anlaß der Greuel – vom wahren Grunde ganz zu schweigen. Auch hat die deutsche Wehrmacht nur gegenüber den alliierten Expeditionsstreitkräften und der Roten Armee kapituliert, nicht etwa gegenüber den aufständischen Tschechen. In jedem Falle wäre es für Deutsche unwürdig, sich auf das Kontrollratsgesetz Nr. 10 zu berufen, selbst Wenn dadurch die Bestrafung Schörners – sogar mit dem Tode – erreicht werden könnte.

Der dritte und letzte Vorwurf lautet, daß Schörner die ihm anvertraute Truppe schimpflich verlassen habe, und dieser Vorwurf wiegt schwer, zumal wenn man bedenkt, daß Schörner dann als wirklicher Deserteur zum Henker ungezählter als angebliche Deserteure getöteter Soldaten geworden wäre. Dieses besonders schändliche Verhalten wäre strafrechtlich schwer faßbar: die einschlägigen Bestimmungen des Militärstrafgesetzbuches sind ersatzlos weggefallen, und ein unmittelbarer Einfluß der Flucht auf das Schicksal der Truppe und Zivilbevölkerung wird kaum nachweisbar sein, wenn auch die offene Übernahme der Verantwortung durch den Oberbefehlshaber gerade in diesem Augenblick höchst sinnvoll gewesen wäre. Ein sonderbares Ergebnis: die Aufhebung des Militärstrafbuches schützt gerade den Militaristen. A. N.