Jean Cocteau führt uns in seiner Erzählung „Thomas, der Schwindler“, Verlag Kurt Desch, 203 Seiten, 9,40 DM,

in die Phantasiegefilde seiner Welt fern allen herkömmlichen Begriffen. Der Träumer und Gaukler, Taugenichts und Schwindler Guillaume Thomas aus Fontenay nennt sich Guillaume de Fontenay und gibt sich für den Neffen des berühmten, gleichnamigen Generals aus. Er geistert wie ein Irrlicht durch die ersten Tage des Krieges 1914 bis 1918, von dem er die naiv-romantische Vorstellung eines historischen Abenteuers hat, bis ein Schuß seinem Traumdasein ein Ende bereitet. Mit den Worten „Ich glaube, ich sterbe“ nimmt er ungläubig die letzte Wirklichkeit, den Tod, wie eine letzte Täuschung hin. Die Gestalten um ihn: eine lebenshungrige Prinzessin und ihre blutarme Tochter Henriette, die sich in Guillaume verliebt, ein spiritistischer Chefarzt, eine ehrgeizige Krankenschwester und deren Liebhaber werden mit fortgerissen von der Prinzessin, die bereitwilligst die ihr schal gewordene Langeweile der Salons mit dem Abenteuer des Krieges vertauscht. In einer Kritik, die Cocteau über ein Konzert der Misia Sert in den zwanziger Jahren in Paris veröffentlichte, erwähnt er, so sehr er sich auch bemüht habe, die Gestalt der Prinzessin de Bornes nach seiner Vorstellung zu schaffen, so hätte sie doch immer wieder die Züge Misias angenommen. Und Misia, die Gattin des spanischen Malers Sert, schildert in ihren Memoiren, wie sie die Lieferwagen der Modesalons zu Beginn des Weltkrieges requiriert hat und wie sie mit Cocteau im Fond eines dieser Wagen sitzend nachts nach Reims fährt, um Verwundete von der Front zu holen. Die nächtliche Szene dieser Fahrt finden wir ohne Abweichung bei Misia Sert und bei Cocteau beschrieben. Durch diese Aufzeichnungen wird historisch belegt, was der Leser schon vermutete: daß Thomas der Schwindler ein Stück Selbstbiographie enthält. m. sch.