München, im Februar

Der „einsame Gelehrte“ ist für unsere Zeit nicht mehr typisch. Es sieht so aus, als spiegele sich unsere Abkehr vom Individualismus und Subjektivismus des 19. Jahrhunderts auch in den Wissenschaften. Daß sich kürzlich auf Einladung des Münchener „Zentrums für humanistisch-philosophische Studien“ sieben Vertreter so verschiedener Fachgebiete wie Philosophie, Zoologie, Soziologie und Medizin zu einem Gespräch über das „Phänomen der Sozietät bei den Menschen und bei den Tieren“ zusammenfanden, könnte man bereits als Bestätigung der von Professor Grassi in seinem Einleitungsvortrag aufgestellten Behauptungen ansehen, daß sich „das Zeitalter des Individualismus seinem Ende zuneige“.

Zu Beginn der Vortragsreihe behandelten zwei Zoologen die Frage, ob zwischen Tierstaaten und Menschenstaaten überhaupt eine Verwandtschaft besteht und ob eine solche Verwandtschaft für das grundsätzliche Verständnis des Phänomens der Sozietät fruchtbar gemacht werden kann. Von den sieben Gelehrten, die an dem Gespräch teilnahmen, vertrat nur einer, der Heidelberger Philosoph Kurt Löwith, den entgegengesetzten Standpunkt, nämlich die bisher in der Wissenschaft vorherrschende Meinung, daß tierische und menschliche Gemeinschaften grundsätzlich Verschiedenes seien. Herdentiere, so meinte Löwith, lebten nicht in Gemeinschaft, schon weil ihnen die Sprache fehle. In ihr (Tierlaute seien keine Sprache) sieht er den wichtigsten gemeinschaftsbildenden Faktor.

Die Zoologen Professor v. Frisch und Professor Portmann ließen die Frage, was Gemeinschaft ihrem Wesen nach sei, offen und beschrieben zunächst nur ihre Beobachtungen. Von Frisch überraschte seine Zuhörer mit der Nachricht, daß auch Bienen so etwas wie Parlamentarismus kennen. Wenn das junge, eben geschwärmte Bienenvolk eine neue Wohnung sucht, wird über den besten Vorschlag der Wohnungskundschafter nach Bienenweise, das heißt durch Tänze und Flügelbewegungen abgestimmt. Für Professor Portmann (den Verfasser des Buches „Das Tier als soziales Wesen“) ist das Gemeinsame im sozialen Verhalten von Mensch und Tier geradezu Ausgangspunkt seiner Beobachtungen. Für einen Soziologen, der sich nicht scheut, bei den Tieren in die Lehre zu gehen, ist seine Betrachtungsweise die ergiebigste: Auch Tiere haben eine sorgfältig bewahrte und verteidigte „Individualsphäre“, andererseits sind sie fest eingefügt in die jeder Tierart gemäße soziale Ordnung. Bei Menschen würde man in diesem Falle von Konventionen, Sitten, Umgangsformen sprechen. Portmann wählt für Mensch und Tier die gleiche Bezeichnung: Ritual. Tierische Rituale sind: der Gesang der Vögel, die Paarungsspiele, die Kämpfe zwischen Rivalen und dergleichen. Sie dienen der Erhaltung des Einzelwesens und der Arterhaltung. Ebenso die menschlichen Rituale. Auch sie schützen sowohl das Individuum wie die Art. Aber während das Tier sie als Geschenk der Natur bei der Geburt mitbekommt, müssen die Menschen ihre Rituale erst erlernen. Sie können sie auch im Gegensatz zum Tier wieder verlernen. In diesem Verlernen, Portmann spricht vom „Zerfall“ der menschlichen Rituale, sieht er „eines der entsetzlichsten Phänome unserer Zeit“. Er sprach von der „Notwendigkeit, mächtige, verpflichtende Sozialgestaltungen zu finden und deren Rituale, so zum Beispiel solche, welche der sinnlosen Vernichtung und Entwürdigung des Einzelwesens wirksam entgegenarbeiten“.

Vielleicht, so meinte Professor Portmann in einem Gespräch nach dem Vortrag, seien die Rededuelle in der UNO, obwohl oder gerade weil dabei viel zum Fenster hinausgeredet werde, Ansätze zu neuen menschlichen Ritualbildungen. Ebenso wie durch die Turniere des Mittelalters könnten auf diese Weise vielleicht menschliche Kampf- und Angriffsziele in unblutige Bahnen gelenkt werden.

Der Mediziner Professor von Uexkuell und der Soziologe Professor Schelsky lieferten jeder aus seinem Forschungsbereich wichtige Belege für die Kraft und Ursprünglichkeit des sozialen Faktors. In Gestalt der mütterlichen Fürsorge und später in der Verbundenheit mit Familie und Gemeinschaft wird das von Geburt unfertige, embryonale Menschenwesen erst zum fertigen Menschen (v. Uexkuell), und in Gestalt der moralischen Normen der Gesellschaft formt und lenkt das Soziale sogar so ursprüngliche Triebe wie den Sexualtrieb.

Auf die Frage, welche Form der Gesellschaft die der Menschennatur gemäße sei, gab keiner der Vorträge eine direkte oder schlüssige Antwort. Derartiges zu verlangen, wäre auch unbillig gewesen. Zweck der Gespräche war es, zunächst nur Baumaterial für eine vielleicht in Zukunft einmal mögliche „Allgemeine Gesellschaftslehre“ zusammenzutragen. Einer der Vortragsredner, der Neurologe Professor Schulte aus Bremen, hätte die Frage nach der „richtigen“ Gesellschaftsform vielleicht indirekt beantworten können. Er beschrieb die Krankheitssymptome (Neurosen und Neurotisierungen) des an der modernen Gesellschaftsform, dem persönlichkeitsfeindlichen Kollektiv leidenden Menschen. Er ging aber nicht an die Frage ein, ob die von ihm beobachteten Krankheitssymptome nichts weiter sind, als die „gesunde“ Reaktion der menschlichen Natur auf eine ungesunde Gesellschaft. Vielleicht ist unser „Unbehagen in der Kultur“ (Freud) mit all seinen krankhaften Folgen nichts weiter als ein natürliches und gesundes Alarmsignal! Das Tier braucht keine derartigen Signale, denn die richtigen Verhaltungsweisen und die richtigen Gemeinschaftsformen sind ihm angeboren. Dem Menschen aber steht es frei, sich ein falsches, das heißt seiner Natur unzuträgliches soziales Haus zu zimmern. Was aber ist seiner Natur zuträglich? Auf diese Frage gibt es keine Antwort. Es darf sie wohl auch nicht geben, denn eines der wesentlichsten Anliegen des Menschen ist es ja, Schöpfer, Erhalter oder Zerstörer seiner individuellen wie auch seiner überindividuellen Lebensumstände zu sein. Die Natur hat nur die Notwendigkeit, in Gemeinschaft zu leben, mitgegeben. Wie diese Gemeinschaft aussehen soll, total wie ein Ameisenstaat oder frei wie die „Biozoenosen“, die bei aller gegenseitigen Abhängigkeit jedem Lebewesen gestatten, sich seiner individuellen Natur gemäß zu entwickeln, darüber sagt sie uns nichts. Vielleicht meint sie, wir wollten die verschiedenen möglichen und in der Natur vorkommenden Gesellschaftsformen durchprobieren. Unser Behagen oder Unbehagen in dem einen oder anderen Gemeinschaftskleid werde uns schon eines Tages den richtigen Weg weisen. Gustav Werder