Vor der Evangelischen Akademie in Bad Boll hat der Bundesinnenminister Dr. Gerhard Schröder einen Vortrag über Begriff und Problem der Elite gehalten, der jetzt im Druck erschienen ist. (Elitenbildung und soziale Verantwortung, Schriftenreihe der Bundeszentrale für Heimatdienst.) Die Schrift zeigt, daß der Autor nicht zu den Leuten gehört, die den heiklen und darum um so ernsteren Fragen aus dem Wege gehen. Um zum Problem der Elite und der Elitenbildung Stellung zu nehmen, gehört Mut, selbst beim Soziologen, um so mehr beim verantwortlichen Politiker. Denn im Zeitalter der Gleichheit klingt manchem allein schon das Wort Elite wie eine Herausforderung in den Ohren, wie ein Bekenntnis zu einer privilegierten Schicht oder gar zu einem Wiederbelebungsversuch an längst gescheiterten und überholten Institutionen. Viel leichter hat man es heutzutage, wenn man von „Regierung durch das Volk“, von „Identität von Volk und Staat“ redet und dergleichen billige Phrasen gebraucht.

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In der Schrift Schröders wird klar und direkt gefragt: Gibt es eine Elite? Wer gehört zur Elite? Wie verhalten sich Demokratie und Elite zueinander? Unbehagen und Mißtrauen gegen den Begriff der Elite stellt er in Rechnung, besonders auch das Gefühl der Abwehr, welches uns bei der Erinnerung an Hitlers biologischen Elitebegriff befällt. Aber das kann dem Begriff keine ausschließlich negative Bedeutung geben. Elite heißt Auswahl, zunächst ohne jeden Wertakzent: „Die Wertung erfolgt erst nach dem Leitbild, unter dem eine Elite sich sammelt.“

Wenn Elite Auswahl bedeutet, so muß es eine anders geartete Vielzahl geben, aus der die Elite als eine Minderheit ausgewählt ist, sagt Schröder. Die Elite ist anders als die Masse. Die Masse will in erster Linie reibungslos und glücklich leben, sie ist zugleich anspruchsvoll und verantwortungslos. Dieser und jener aber empfindet und lebt anders als die Masse. Aus solchen Menschen kann sich eine Gruppe formen, verbunden durch ein gemeinsames Ideal, für das sie sich entscheiden. „Die Entscheidung besteht darin, daß der einzelne Bindungen als verbindlich auf sich nimmt, die die Masse nicht kennen will.“ Unter Ideal in diesem Sinne versteht der Autor nicht ein Programm oder einen Programmpunkt, sonst entstünde eine Partei oder ein Verein. Die Elite besteht vielmehr aus Menschen, die sich dadurch auszeichnen, daß sie Verantwortung für die Gemeinschaft, also soziale Verantwortung übernehmen wollen und sich dazu verpflichtet fühlen. Eine solche Gruppe von Menschen ist notwendig, denn die Masse ist nicht ständig und unmittelbar zur politischen Aktion fähig; im Gegensatz zu früheren Zeiten ist in der modernen Gesellschaft die unmittelbare Mitwirkung aller Bürger an den Angelegenheiten des Staates nicht mehr möglich.

Die Gleichheit aller vor dem Gesetz ist kein Hindernis für die Elitenbildung. Im Gegensatz zu den totalitären Staatssystemen, die von kastenmäßig abgeschlossenen und bevorzugten Eliten geführt werden, sichert in der Demokratie die Gleichheit vor dem Gesetz, „daß die Angehörigen der Elite keine Sonderrechte für sich in Anspruch nehmen können“. Einzig das Maß der freiwillig übernommenen Verantwortung und der Leistung entscheidet.

An die Stelle der traditionellen horizontalen Gliederung der Gesellschaft in übereinander geordnete Stände, deren oberer sich ohne weiteres als Elite betrachtet und daraus bestimmte Ansprüche abgeleitet hat, sind vertikal nebeneinander geordnete Gruppen getreten, sagt Schröder, die nicht mehr durch Geburt oder durch akademische Bildung, sondern durch andere Kategorien bestimmt sind. Quer durch diese neuen sozialen Gruppen wird es jeweils einen obersten, zu den Aufgaben der Elite berufenen und als Elite wirkenden Kreis geben, dessen Angehörige sich über die Grenzen ihrer sozialen Gruppen hinweg als Zueinandergehörige empfinden. „Das Leitbild einer vom Gedanken der sozialen Verantwortung getragenen Elite gewinnt seine Struktur und seine Farben nicht allein aus ihrer Stellung zu den sozialen Problemen im engeren Sinn, sondern aus ihrem gesamten Verhalten zu den Verhältnissen in Staat, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und Religion.“

Mit diesem Vortrag, dessen Hauptgedanken hier angedeutet wurden, hatte sich der Bundesinnenminister in erster Linie an die Jugend gewandt. Kurz darauf erhielt er von dem Lehrer einer württembergischen Oberschule einen Brief, in dem es hieß: