H. v. V., Kairo, im Februar

Seit der Revolution des Jahres 1952 konnten die jeweiligen Finanzminister des neuen Regimes, ungestört von unfachlichen Eingriffen aus politischen oder propagandistischen Motiven, an der Sanierung der vor der Revolution äußerst prekären Finanzlage Ägyptens arbeiten. Die Zahlungsbilanz wies noch 1952 ein Defizit von 55,5 Mill. ä.£ auf. Es konnte 1953 auf 8,5 Mill. herabgesetzt werden. Im vergangenen Jahr wurde sogar ein Plus von 5 Mill. erreicht. Diese Gesundung der Zahlungsbilanz ist in erster Linie der ständigen Verringerung des Defizits der Handelsbilanz zu danken: es betrug noch 1952 rund 78,3 Mill., konnte 1953 auf 39,6 Mill. und 1954 endlich auf 21,5 ä.£ gesenkt werden.

Zwei Faktoren trugen zu dieser günstigen Entwicklung bei: die größere eigene Erzeugung gestattete in zunehmendem Maße den Bedarf ohne Inanspruchnahme devisenfressender Einfuhren zu decken. Allein die Einfuhr von Getreide konnte um 23 Mill. und die von Zucker um 2,3 Mill. ä.£ verringert werden. Die sehr intensive Bearbeitung ausländischer Märkte hatte aber auch eine beachtliche Zunahme ägyptischer Ausfuhren in der Folge.

Der Finanzminister beurteilt die Aussichten Ägyptens für das kommende Jahr günstig. Er rechnet mit einer Zunahme der in den letzten Monaten etwas rückläufigen Baumwollausfuhren, die wohl nur als saisonbedingt anzusprechen sind, und einer weiterhin günstigen Entwicklung der Ausfuhr von Garn und Kattun. Einer Vermehrung der Einfuhren an Maschinen, Industrie- und Baumaterialien wird der Rückgang der Einfuhren an Mineralöl gegenüberstehen, das in zunehmenden Umfang in Ägypten selbst gewonnen und auch raffiniert wird.

Das Vertrauen der Bevölkerung in die Finanzgebarung der Regierung und die Hoffnung an eine fortlaufende Besserung der ägyptischen Wirtschaftslage kam bei der Zeichnung der Ende vergangenen Jahres aufgelegten Staatsanleihen von insgesamt 25 Mill. £ zum Ausdruck. An ihr beteiligten sich nicht nur die Großbanken, sonden in beträchtlichem Umfang das Privatkapital auch mittlerer und kleiner Zeichner. Die Anleihen sind in erster Linie zur Finanzierung der großen Wirtschaft und Industrieprojekte bestimmt, die noch neben dem Hoch-Assuan-Damm geplant sind: Ausbau des Transportwesens durch neue Eisenbahnlinien, Straßen und Wasserwege, Modernisierung der Landwirtschaft, Bewässerung und Drainage, Elektrifizierung, Bau neuer Industrien, wie Eisen- und Stahlwerke und einer Kunstdüngerfabrik.

Ägypten erhielt im vergangenen Jahr eine amerikanische Wirtschaftsbeihilfe in Höhe von 40 Mill. $ die bis zum Juni 1956 verbraucht sein müssen. Mit der Annahme dieser Beihilfe war die Verpflichtung verknüpft, den gleichen Betrag aus eigenen Mitteln aufzubringen und in der gleichen Zeit zu verbrauchen. So wird eine für Ägypten verhältnismäßig große Summe Bargeld in Umlauf gesetzt, die einen erheblichen Bedarf an Konsumgütern auslösen wird, der der einheimischen Industrie zugute kommt. Wenn man berücksichtigt, daß das Jahreseinkommen pro Kopf der Bevölkerung in Ägypten noch immer bei 39 $ liegt, läßt sich ermessen, welch weiter Weg noch zurückzulegen ist, um das Lebensniveau der Gesamtbevölkerung entscheidend zu heben ...

Die ägyptische Regierung betont immer wieder, daß sie die Beteiligung ausländischen Kapitals beim Neuaufbau der Wirtschaft erhofft. Das mag für die großen Projekte zutreffen. Die einheimischen Fachkreise sind sich jedoch darüber im klaren, daß es zumindest ebenso wichtig ist, das im Land vorhandene Kapital, also die großen Reserven der Banken, zu aktivieren und soliden Anlagen zuzuführen, um die Basis der arbeitenden und verdienenden Bevölkerung zu verbreitern. Mehr verdienen, um mehr zu verbrauchen, heißt die neue Devise in Ägypten.