Es ist nicht verwunderlich, wenn sich in Zeiten politischer Hochspannungen keineeinheitliche Linie an den Börsen entwickeln will. Das Ausland war weitgehend passiv und trat augenscheinlich nur an der Wochenwende bei den IG-Farben-Nachfolgegesellschaften mit einigen Kauforders hervor; die inländische Kundschaft sowie der Berufshandel waren in erster Linie auf der Suche nach sogenannten „Rosinen“, d. h. nach solchen Papieren, bei denen sich durch höhere Dividenden und wertvolle Bezugsrechte Gewinnchancen ergeben. Die Tatsache, daß die im Januar begonnene langsame Abwärtsbewegung in den Hauptaktienwerten zum Stillstand kam, läßt auf einen Abschluß der Konsolidierung schließen, die eigentlich schon längst fällig gewesen war. In einzelnen Bankbüros fordert man die Kundschaft jetzt wieder zu vorsichtigen Käufen auf, eine Politik, die bereits zu steigenden Kursen geführt hat. Die Rückschläge der letzten Zeit, wenn sie auch nicht bedrohlich waren, haben den Börsen ein erfreuliches Maß an Realismus beschert; man weiß, daß auch bei uns die Bäume nicht in den Himmel wachsen werden.

Hauptthema der Spekulation bleiben die Kapitalerhöhungen. Ob hier alle Blütenträume reifen werden, muß man abwarten. Inwieweit der „kleine“ Aktionär heute in der Lage ist, neues Kapital aufzubringen, wird die Kapitalerhöhung bei den Farbwerken Hoechst (um etwa 100 Mill. DM) zeigen, die Ende März oder im April über die Bühne gehen wird. In ähnlicher Höhe bewegen sich die Kapitalmarktwünsche bei Siemens & Halske, mit deren Bekanntgabe in diesen Tagen gerechnet werden kann. Eindruck machte das Bezugsrecht bei der Demag (nicht nur, weil es kurz vorher noch als „nicht aktuell“ von der Verwaltung hingestellt worden war). Rein rechnerisch müßte sich ein Bezugsrecht von etwa 61 v. H. ergeben. Westdeutsche Kaufhof sprangen nach Bekanntgabe der hier beabsichtigten Kapitalerhöhung um 26 Punkte nach oben und notieren jetzt zu 261 (Bezugsrecht 2:1, Ausgabekurs 110 v. H.). Die Kapitalaufstockung bei RWE um 123 Mill. DM soll bis spätestens zum 1. Juli 1956 durchgeführt sein. Die Aktionäre können je zur Hälfte normale Inhaberstammaktien sowie stimmrechtslose Vorzugsaktien (ausgestattet mit einer Mindestdividende von 5 v. H.) beziehen.

Über dem Montanmarkt schwebt zwar noch die Ungewißheit der künftigen Preisentwicklung. Dennoch rechnet man jetzt auch bei den reinen Zechengesellschaften für das abgelaufene Geschäftsjahr mit Dividenden. Die Erlaubnis der Hohen Behörde zur Fusion der Hüttenwerke Phoenix mit Rheinrohr brachte eine zusätzliche Anregung; denn man glaubt darin doch ein gewisses Verständnis für weitere Rückverflechtungsbelange sehen zu können, die sich durch Spekulationen einzelner nicht mehr aufhalten lassen. Die oft sehr heftigen Diskussionen über diesen Punkt haben die Fronten klar sichtbar werden lassen, eine Erscheinung, die im Interesse einer gesunden Weiterentwicklung des Kapitalmarktes begrüßt werden kann. Die Kursgewinne bei den Montangesellschaften lagen zwischen 6 und 12 Punkten.

Eine Transaktion, die nicht über die Börse ging, war der Verkauf des Hapag-Restpaketes aus dem Reemtsma-Besitz an den Hamburger Reeder Behrend Schuchmann. Allerdings erhielt Schuchmann nur 50 v. H. der von Reemtsma nunmehr abgestoßenen Aktien, die andere Hälfte ging an eine unter der Führung der Norddeutsche Bank AG, Hamburg, stehende Aktionärsgruppe. Dem Vernehmen nach soll Schuchmann noch nicht über die Hapag-Majorität verfügen. Entscheidend für die künftigen Mehrheitsverhältnisse werden die 245 Mill. DM neuen Aktien sein, übrigens hat auch Oetker seine Beteiligung an der Hamburg-Südamerikanischen Dampfschifffahrts-Gesellschaft Eggert & Amsinck KG weiter verstärkt

Die IG-Farben-Nachfolger konnten sich am letzten Wochenende wieder kräftig erholen, Nir Cassella fielen weiter ab und liegen mit 390 v. H. etwa 110 Punkte unter ihrem im Januar dieses Jahres erreichten Höchstkurs. Die IG-Farben-Liquis lagen um rund 6 Punkte fester. Bei ihnen, genau wie bei Schering, wirkten sich die jetzt in den USA begonnenen Freigabeverhandlungen für das beschlagnahmte deutsche Vermögen günstig aus. Schering verbesserten sich von 268 auf 291 v. H. Maschinenbauwerke tendierten überwiegend fest. Bei Schiess dürfte die Dividende nicht unter 7 1/2 v. H. für 1954 liegen. Eine Sonderbewegung ergab sich bei den Automobilwerten, wo Daimler von 233 auf 275 und BMW von 146 1/2 auf 155 anzogen. Bei Daimler liegen günstige Produktionsnachrichten, Hoffnungen auf eine Kapitalerhöhung sowie die Vermutung vor, daß Interessentenkäufe vorgenommen werden. Der Bankenmarkt blieb ziemlich unverändert. Bruchteilig abgeschwächt waren lediglich die Banken„reste“, die das in der Sowjetzone gelegene Vermögen der alten Großbanken repräsentieren. Offenbar glaubt man, daß der neue Kurs in Moskau die Aussichten für eine Wiedervereinigung und damit Rückgabe der enteigneten Vermögenswerte nicht gesteigert hat.

Abgesehen von einer größeren Tauschoperation Bundesanleihe gegen Pfandbriefe, die den Kurs der Bundesanleihe um 1/2 Punkt nach unterdrückte, blieb die Situation bei den festverzinslichen Papieren unverändert. Die Nachfrage nach steuerfreien Pfandbriefen und Kommunalobligationen hat zu weiteren Kursheraufsetzungen in den genannten Emissionen geführt. Da jedoch diese Stücke großenteils aus steuerlichen Gründen festliegen, bleibt abzuwarten, wie sich der Markt gestalten wird, wenn auch für diese Sticke wieder Freizügigkeit eingetreten ist. -n d t.