Möge niemals; wieder ein englischer Innenminister das Gefühl haben müssen, daß er, wiewohl er sein Bestes tat und niemand ihn fahrlässig oder unfähig schelten würde, dennoch einen Menschen, der in Wahrheit im Sinn der Anklage nichtschuldig war, an den Galgen geschickt hat.“ Der Abgeordnete Chuter Ede, der im Unterhaus seine Rede zur Aufhebung der Todesstrafe mit diesen Worten schloß, ist der Mann, der als Home Secretary 1950 über die Begnadigung des Lastwagenfahrers Evans zu entscheiden hatte, den die Geschworenen als angeblichen Mörder von Frau und Kind zum Strang verurteilten. Vierzehn Tage lang stand nach dem Brauch die Tafel mit dem Namen des Todeskandidaten auf dem Schreibtisch des Ministers, ehe er den Akt mit den Worten unterzeichnete: „Die Gerechtigkeit nehme ihren Lauf.“ Zu überwältigend schienen die Beweise. Evans wurde hingerichtet, und wenig half es ihm, daß der Hausgenosse, der ihn belastete, zwei Jahre später selbst den Mord gestand. Es war ein Höhepunkt der Debatte, als Ede unter dem ernsten Schweigen des Hauses zu seinem Platz zurückging und das Gesicht mit den Händen bedeckte.

Die Regierung aber wandte sich dennoch gegen den Antrag, die Todesstrafe aufzuheben, sei es auch nur für fünf Jahre, um Erfahrungen zu sammeln. Ihrem Argument, man solle sie beibehalten, solange die öffentliche Meinung sich nicht klar dagegen wende, hielt Mr. Ede entgegen, keine der großen Strafrechtsreformen des letzten Jahrhunderts wäre zustande gekommen – hätte man sie einem Volksentscheid überlassen. „Es gibt Anlässe, die dem Parlament die Pflicht auferlegen zu sagen, was Recht ist, selbst wenn die Öffentlichkeit im Augenblick nicht gleicher Meinung sein mag.“ Thomas Dehler hat in der Debatte zur Todesstrafe im Bundestag das gleiche Argument gebraucht. Die Entscheidung ist in der Tat beim Volksempfinden, „gesund“ oder nicht, nicht immer in den richtigen Händen, dazu ist dies zu schwankend. Kaum ereignet sich eine dramatische Mordtat, so schwillt der Ruf nach der Todesstrafe an, wie es in Deutschland jetzt nach dem Bankraub von Roßthal der Fall ist. 40 000 Unterschriften sind bereits zusammengekommen. Ein Justizirrtum wiederum, der einem Unschuldigen das Leben raubt, läßt, wenn er ans Gemüt appelliert und wohl publiziert wird, das Pendel der Emotionen nach der anderen Seite schwingen.

Der Bericht der Königlichen Kommission, die das Problem auch in mehreren Ländern, die keine Todesstrafe haben, studierte, kommt zu dem Ergebnis, die Abschaffung habe nirgends eine dauernde Zunahme der Morde bewirkt. Das hinderte den Innenminister Gwilym Lloyd George als Sprecher der Regierung nicht zu erklären, man könne, solange nichts Besseres erfunden sei, auf sie als „Mittel der Abschreckung“ nicht verzichten. Gewiß, es mag statistisch schwer zu beweisen sein, ob nicht die Furcht vor dem Henker hier oder da eine Bluttat verhindert. Groß kann die Zahl dieser Fälle, wie die Erfahrung lehrt, nicht sein. Die Abschreckung ist auf die kalten Rechner beschränkt, die die Strafe im voraus ins Kalkül ziehen, und manche meinen sogar, ihre Zahl werde durch die Gruppe primitiver, Emotionen leicht unterworfener Täter kompensiert, auf deren triebhafte Phantasie das Ritual der Tötung von Staats wegen und die düstere Gestalt des Henkers eine verderbliche Wirkung hat. Ede, der länger als irgendein anderer in den letzten hundert Jahren englischer Innenminister war, erklärte, seiner Erfahrung nach hätten nur wenige derer, die in die Gefahr eines Verbrechens gerieten, über die drohende Strafe nachgedacht oder nachdenken können. Hätte man den in seiner Amtszeit Verurteilten am Morgen ihrer Tat gesagt: „Ehe es Abend wird, wirst du in Gefahr sein, an den Galgen zu kommen“, so hätten einen alle, mit Ausnahme von zwei oder drei, mit gutem Gewissen verlacht.

Daß die Debatte, die sich bis in die Nacht hineinzog, kaum neue Argumente brachte, ist nicht zu verwundern bei einer Frage, um die der Kampf nicht mehr zur Ruhe gekommen ist, seit Cesare Beccaria ihn vor zwei Jahrhunderten eröffnete. Was Freunde und Gegner zum Grundsätzlichen sagten, unterscheidet sich nur wenig von der Verhandlung im Bundestag. Auch das Unterhaus hat sich schon einmal, 1948, mit der Frage beschäftigt, damals war der Streit hitzig und er führte zu dem Beschluß (der dann am Widerstand des House of Lords zu Fall kam), die Todesstrafe fünf Jahre lang auf Probe auszusetzen. Der junge Lloyd George stimmte damals mit der Mehrheit des Unterhauses – heute als Innenminister verteidigt er die Beibehaltung. Seine Erklärung für diesen Gesinnungswandel überzeugte wenig, und auch die Stellungnahme der Regierung zu dem Bericht der Kommission, der das Ergebnis vierjähriger Arbeit ist, war ein wenig dürftig. Dennoch ergab die Abstimmung, für die der Fraktionszwang aufgehoben war, eine knappe Mehrheit für die Beibehaltung des Galgens. Die Argumente dafür, erklärte ein Konservativer, seien noch immer die gleichen, mit denen man im vorigen Jahrhundert die Gesetze verteidigte, die den Diebstahl von fünf Schillingen und das Einritzen seines Namens an der Westminsterbrücke mit dem Tode bedrohten. Aber, so schloß er, es werde wohl nur eine Frage der Zeit sein, bis England dem fortschrittlicheren Beispiel europäischer Länder folgen und „den Henker und die makabren Werkzeuge seiner Zunft in die barbarische Vergangenheit verbannen“ werde.

V. v. Zühlsdorff