Ein bekanntes Berliner Unternehmen der Baustoffindustrie war nach Kriegsende von den Sowjets total demontiert worden. Das war ein Unglück, das es mit dem größten Teil der Berliner Industrie teilte. Daß es später bei der Aufteilung der Stadt unter die Alliierten an den amerikanischen Sektor fiel, war sein Glück; denn so hatte es nach Beendigung der Blockade die Chance zu neuem Leben. Diese Chance hat man hier zu nutzen gewußt. Buchstäblich aus dem Nichts heraus begannen 1949 rund hundert Beschäftigte erneut mit der Produktion eines Artikels, der vor dem Kriege am gesamten deutschen Markt zu mehr als fünfzig v. H. beteiligt war. Inzwischen ist die Beschäftigtenzahl auf 860 angestiegen; der Jahresumsatz wuchs in der gleichen Zeit von 350 000 DM auf 24 Mill. DM; Zahl und Umsatz der westdeutschen Zweigbetriebe entwickelten sich im gleichen Umfang. Ermöglicht wurde diese Entwicklung durch die ausländischen Aktionäre des Unternehmens (die über 8 Mill. DM aufbrachten) und durch öffentliche Investitionskredite in Höhe von 5,6 Mill. DM, von denen inzwischen über eine Million zurückgezahlt worden sind. Dennoch sind erst etwa zwei Drittel der einstigen Produktionskapazität wiederaufgebaut, und der Wunsch des Unternehmens, durch einen Remontagekredit aus ERP-Mitteln in Höhe von 2,8 Mill. DM die alte Leistungsfähigkeit wiederherzustellen, muß als verständlich bezeichnet werden.

Im Februar vorigen Jahres beantragte die Eternit-AG., um die es sich hier handelt, beim Bundeswirtschaftsministerium diesen Kredit, zu dessen Bewilligung normalerweise wenige Wochen, höchstens einige Monate erforderlich sind. Während sonst bei der Kreditvergabe ein entscheidender Gesichtspunkt die hier zweifellos erwiesenen gesunden Erfolgsaussichten sind, wurde nun ein Rattenschwanz von Argumenten in dem Sinne aufgeboten, das Unternehmen habe eine solche Hilfe nicht mehr nötig. (Und dies, obwohl es das erklärte Ziel der Bundesregierung ist, der ohnehin nur mit erheblichem Abstand am westdeutschen Aufschwung teilnehmenden Berliner Wirtschaft die günstigsten Bedingungen zu verschaffen, damit sie in absehbarer Zeit auf eigenen Füßen stehen kann!) Die bisherige Behandlung der Angelegenheit im zuständigen Referat des Bundeswirtschaftsministeriums ließ schon im vergangenen Herbst den Verdacht einer nicht nach sachlichen und gerechten Gesichtspunkten vorgehenden Haltung aufkommen. Noch einmal setzten sich der Berliner Senat, die Industriebank, das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und die Amerikaner vorbehaltlos für dieses Projekt ein, und eine Zeitlang schien es, als ob endlich die kaum ernstlich zu bezweifelnde günstige Entscheidung fallen würde. Jetzt ist sie gefallen, allerdings in einem anderen Sinne: auf Grund der Erfahrungen hat die Eternit-AG. (wie bereits berichtet) den Kreditantrag zurückgenommen und sich entschlossen, den für Berlin geplanten Wiederaufbau nunmehr im Bundesgebiet aus eigenen Mitteln vorzunehmen. Das Berliner Werk bleibt also unter dem Vorkriegsstand, 175 mögliche neue Arbeitsplätze im Notstandsgebiet Westberlin bleiben unbesetzt, und die erwartete Umsatzsteigerung um mindestens jährlich 8 Mill. DM geht ebenfalls an Berlin vorbei. Da dem Unternehmen die Lust daran vergangen ist, in Berlin neu zu investieren, besteht überdies auch die Gefahr, daß der Sitz des Unternehmens nach Westdeutschland verlegt wird.

Hier ist eine Entwicklung heraufbeschworen worden, die keinesfalls mit der Berlin-Politik der Bundesregierung in Einklang zu bringen ist. In den langwierigen Verhandlungen sind von Bonn aus Methoden angewandt worden, die recht zweifelhaft sind, wenn man sich zu den Grundsätzen der freien Marktwirtschaft bekennt. Hier ist eine einzigartige Chance kurzsichtig verspielt worden. Zunächst einmal hat der „Fall Eternit“ in Berliner Wirtschaftskreisen eine Erregung verursacht, die in keinem Verhältnis zu dem strittigen Objekt steht. Allein dies hätte vermieden werden müssen. Die Spitze des Ministeriums hat zu der Angelegenheit bisher geschwiegen. Berlin glaubt, daß die Stellungnahme bisher nur aus peinlicher Verlegenheit unterblieben ist. Dieses Beispiel darf nicht Schule machen, wenn die Versicherungen der Bundesregierung, man werde Berlin nach Kräften unterstützen, von den ohnehin skeptischen Bewohnern der Viersektorenstadt weiterhin ernst genommen werden sollen.

Anscheinend wird die Vernunft aber doch noch siegen. Es sieht so aus, als ob Bonn nun endlich bereit ist, dem Unternehmen den erbetenen Kredit zuzugestehen: Berlins Wirtschaftssenator Dr. Hertz fragte bei der Eternit AG in diesen Tagen an, ob das Unternehmen einen neuen Kreditantrag stellen würde. Noch in dieser Woche wird Senator Dr. Hertz mit Vizekanzler Blücher den „Fall Eternit“ besprechen.

Warum nicht gleich so? gns.