In dem Aufsatz „Von den Tieren lernen“ zitierten wir in unserer letzten Ausgabe die Ausführungen des Zoologen Prof. Portmann, der auf den Münchener Treffen der Wissenschaftler im Zentrum für humanistisch-philosophische Studien über die Rituale bei Menschen und Tieren sprach. Er hält die heute so beliebten Rededuelle, „obwohl oder gerade weil viel dabei zum Fenster hinausgeredet werde“, für mögliche Ansätze zu neuen Ritualbildungen, die, wie zum Beispiel die Turniere im Mittelalter, als Ventile für menschliche Kampfeslust wirken können. In Amerika, wo man bemerkenswerte Rituale im Umgang miteinander herausgebildet hat, die das Zusammenleben in der Gemeinschaft ölen, pflegt man auch die Diskussion besonders. Der Durst nach Vorträgen und anschließenden Diskussionen scheint in der neuen Welt unstillbar zu sein, zu urteilen nach den Unmengen von langen und kurzen Ansprachen, die täglich zwischen der atlantischen und der pazifischen Küste Amerikas verbraucht werden. Das liegt in erster Linie an den Klubs. Jede, auch jede kleine Stadt hat deren viele. In ihnen spielt sich das gesellschaftliche Leben ab. Da sind die Löwen und die Elche, die Kiwanis und die Rotarier, die sich jeweils zweimal im Monat zu einem Essen treffen und mitunter dabei eine Art von Karnevalsmützen tragen. In der Handelskammer und in den verschiedenen Veteranenverbänden werden Vorträge gehalten. Die Frauen der Methodistengemeinde in blumengeschmückten Hüten, Kaffeetassen in der Hand, treffen sich. Die Freimaurer, der Optimistenverein, die Altherrenverbände der Universitäten, den christlichen Verein junger Männer oder Mädchen nicht zu vergessen. Dazu die Debattierklubs der Schulen und kleinen Colleges. Alle diese Gruppen (deren Mitgliedschaft sich natürlich überschneidet) wollen während der mittäglichen oder abendlichen Zusammentreffen außer dem gebackenen Huhn oder dem Kalbskotelett etwas Geistiges geboten haben. So halten sie sich an Vorträge. Nahezu jeder Amerikaner ist imstande, vor einer Versammlung einige Zeit frei zu sprechen, ohne zu stammeln und den Faden zu verlieren. Dennoch ist der Vorrat an örtlichen Kräften nicht unerschöpflich. Aber keine Sorge: etwaige Lücken füllen die Vortragsbüros. Sie halten für alle Fälle eine Auswahl von Rednern bereit, die auf Vorträge für jeden Geschmack und jeglichen Anlaß geeicht sind.

New York, im Februar

Für uns auf dem Podium hatte diese Geschichte einen Bart. Dem Publikum in Iowa-City im Staate Iowa war sie offenbar neu. Es lauschte gespannt, als der kleine elegante Philippine die Debatte über das deutsch-französische Verhältnis mit dem Eingeständnis aufmöbelte, das alles erinnere ihn doch recht sehr an den Unterschied zwischen einem Diplomaten und einer Dame. Wenn ein Diplomat „Ja“ sagt, so meint er „vielleicht“. Wenn er „vielleicht“ sagt, dann meint er „nein“, sagt er aber „nein“, so ist er kein Diplomat. Ein Lächeln kräuselte die ernste Oberfläche der vielen weißen Gesichter, die uns aus dem Dunkel des Saales entgegenblickten. Nach einer Kunstpause, die dem Kräuseln Zeit gab, sich auszubreiten, fuhr unser philippinischer Freund mit seinem harten Akzent fort, was nun die Dame anbetrifft... Der Saal antwortete mit halb erstickten Glucksern. Die Gluckser gingen in verstehendes Gelächter über.

Der ehemalige Ministerpräsident von Frankreich, der einer der vier Debattierpartner war, hatte genau wie ich diese Geschichte schon mehrmals aus dem Munde unseres philippinischen Partners gehört. Er konnte nun doch nicht anders als geschmeichelt mitlächeln, so wohl tat ihm das Verständnis der Leute von Iowa für die Gleichsetzung seiner Nation mit einer schönen Dame, welche mit einem „Ja“ ihren guten Ruf gefährden konnte. Iowa liegt schließlich im Mittleren Westen, und ob wohl dieses opulente Stück Amerika von Franzosen vornehmlich entdeckt und erschlossen wurde – ein Umstand, auf den hinzuweisen der ehemalige französische Ministerpräsident selten unterläßt –, so ist doch die Grundstimmung in Iowa und Kansas und Missouri eher den Deutschen günstig. Um so willkommener das verständnisinnige Gekicher. Es hörte erst auf, als wir uns nun anschickten, die Politik im Fernen Osten zu diskutieren. Dabei mußte John, der amerikanische Leiter der Diskussion, einiges einstecken, was die Zuhörer in Iowa mit Unbehagen erfüllte und nach dem Ende der Debatte viel Anlaß zu Fragen aus dem Publikum gab.

Wir hatten auch einen Türken dabei – er ist inzwischen von seinen politischen Gegnern nach Ankara zurückgelockt und heimtückischerweise durch Einziehung zum Militär unschädlich gemacht worden. Er nannte unsere Gruppe geringschätzig einen Wanderzirkus und verglich John mit einem Dompteur. Damit hatte es manchmal seine Richtigkeit. Wohl saßen wir artig an einem Tisch und verbeugten uns, wenn wir dem Publikum mit ausschweifenden Lobsprüchen vorgestellt wurden. Wohl redeten wir uns nicht direkt an, sondern verwandten zivilisierte Umschreibungen wie „Der ehrenwerte Delegierte von den Philippinen irrt gewaltig...“ Wohl lächelten wir fein über eine Anekdote des ehemaligen französischen Ministerpräsidenten, auch wenn wir sie bei ähnlicher Gelegenheit bereits mehrmals gehört hatten. Aber manchmal vergaßen wir es doch, daß diese Debatte über Formosa, Tunesien, die Saar und Israel der Erleuchtung des amerikanischen Publikums dienen und den Rahmen eines Scheingefechts nicht strengen sollte. Dann riß plötzlich einer mit einem Prankenhieb die Wunden nationalerund kolonialer Empfindlichkeit auf, und während das bildungsdurstige Abendpublikum den Atem anhielt, gab es einen schnellen fauchenden Wortwechsel. Unser Freund John, der Amerikaner, bewährte sich in solchen Fällen als Dompteur, als moderator (wie man hier sagt), als Beschwichtigen Er warf sich mit einem Witz dazwischen und hatte den Dressurakt schnell wieder fest in der Hand. Insgeheim forderte er aber selbst den Zusammenprall etwa der Delegierten Frankreichs und der Bundesrepublik wiederholt heraus – das Publikum wollte schließlich auf seine Kosten kommen. Man sollte Im kleinen die internationale Situation gespielt sehen und mitempfinden, daß die Probleme der Bürger Asiens und Europens ziemlich leidenschaftliche Untergründe haben. Wir taten John gern den Gefallen, wenn auch zwischen dem ehrwürdigen alten Herrn aus Frankreich und mir stets ein Verhältnis augenzwinkernder Politesse gewahrt blieb.

Unser Wanderzirkus stellte ein neuartiges, zeitbedingtes Unikum dar. Er war nicht typisch. Doch gehörten auf diese Weise auch wir einmal für einige Tage zu der alten großen Gilde der „lecturer“, die kreuz und quer durch Amerika zieht.

Die Zugnummern unter den Vorträgen kommen nach meinen Beobachtungen aus dem politischen Felde. Manche Senatoren können sich vor Angeboten gar nicht retten. Man sagt, daß Senator McCarthy für einen Vortrag oder eine Rede während der Zenithzeiten seines Ruhmes eine dreistellige Zahl von Dollars bekam, die sich mehr nach der vierstelligen Seite hin neigte. Radio und Fernsehen haben das Erscheinen von Politikern auf den Podium in persona durchaus nicht überflüssig gemacht – im Gegenteil. Die zahllosen Wochenend-Fernsehinterviews, die von Washington ausgehen und im ganzen Lande zu sehen sind, reizen das Publikum, seinem Kongreßabgeordneten selbst eine Frage vorzulegen, selbst die Hand zu schütteln.