Stockholm, Mitte Februar

Schweden hat einen neuen bedeutenden Dramatiker bekommen. Hinter dem Pseudonym Lars Helgesson verbirgt sich der Texter eines Reklamestudios. Denn er fürchtet, daß es seine Kunden abschrecken könnte, sollte er einmal mit einem Stück durchfallen... Nun mußte er nach einer Karte zu seinem „Turm zu Babel“ anstehen und hatte das Pech, keine mehr zu bekommen. Diese Aufführung auf der kleinen Bühne des Kgl. Dramatischen Theaters aber bedeutet in mancher Beziehung einen Höhepunkt. Vor allem ist sie so typisch schwedisch in ihrer restlosen Stilisierung. Mit sachlich-nüchterner Klarheit wird gezeigt, daß der Turm, den die Liebe in den Himmel bauen möchte, die Sprache der Beteiligten restlos verwirrt. Gesagt wird dies ohne alle intellektuellen Vieldeutigkeiten. Im Gegenteil: überdeutlich, scharf wie die Silhouetten des Bühnenbildes, klar wie die dünnen Stahlstichlinien der Stahlrohrmöbel. Autor, Regie und Bühnenbildner haben zusammen das Wesentliche bis aufs letzte vereinfacht, so daß oft ein Satz, eine Geste fast genügt, um einen Menschentyp und sein Schicksal unmißverständlich zu zeichnen. Bisweilen geht der Verzicht auf Überflüssiges bis zur Pantomime. Man erlebt auf der Bühne ein Gegegenstück zur Kunst jener chinesischen Maler, die mit wenigen Tuschpinselstrichen ein Bild geben könnten. Das Ergebnis war eine unerhörte Intensität des Spiels. Nichts konnte verlorengehen.

In diesem überwirklich klaren Traumspiel – unwillkürlich drängt sich der Vergleich mit Strindberg auf – träumen zunächst vier junge Mädchen von der Liebe – egoist sch-naiv – „war er meiner“. Es sind die Häusliche, die Romantische („wir wollen einen Tempel bauen“), dieErotische und die Lebensscheue, die sich mit dem Traumbild begnügt, Ein Mann – das Symbol für alle möglichen Männer – gewinnt sie der Reihe nach. Dann beginnt in der Ehe die Sprachverwirrung: die Haushofe betrügt er, die Romantische geht ihm auf die Nerven, die Erotische hält ihn in ständiger krankhafter Eifersucht, und die Lebensscheue gewinnt er nie. Alle heirateten sie einen erträumten Christopher and erwachten unverstanden in einer unverständlichen Wirklichkeit. Aber keine will vor den Freundinnen zugeben, daß ihr Traumbild nie Wirklichkeit geworden ist. Und als sie sich doch durchschaut sehen, stürzen sich die drei Enttäuschten auf das Traumbild der Lebensscheuen, reißen es von der Wand und zerfetzen es symbolisch.

Wohl ausgewogen wirkten bei der Premiere Darsteller (es gab keinen Star), Bild, Musik und wanderndes Licht zum Gesamteindruck zusammen. Nirgends störte Übertreibung oder Karikatur, Unter Rolf Carstens scharfsinniger Regie wurde der „Turm zu Babel“ ein Leckerbissen für die theaterverwöhnten Stockholmer. Bengt Paul