Anfang Januar lief aus dem neuseeländischen Hafen Wellington der 6000-Tonnen-Eisbrecher „Atka“ der amerikanischen Kriegsmarine und aus dem Hafen Melbourne das von der australischen Regierung gecharterte dänische 1250-Tonnen-Spezialschiff „Kista Dan“ zu Forschungsfahrten in antarktische Gewässer aus. Damit hat ein neuer Abschnitt in der Erforschung des sechsten Erdteils begonnen, der seinen Höhepunkt in dem „Internationalen Geophysikalischen Jahr 1957/58“ erreichen wird. Für dieses Jahr beginnen schon alle Staaten, die Ansprüche auf einen Teil des antarktischen Kontinents angemeldet haben, mit den Vorarbeiten.

Acht Staaten sind es, die den unbekannten Erdteil unter sich aufteilen möchten, dessen gewaltige, von Eis bedeckte Landmasse sich etwa kreisförmig um den auf einem 3000 Meter hohen Plateau befindlichen Südpol gruppiert. Die Ansprüche der einzelnen Länder überschneiden sich zum Teil doppelt und dreifach. Das gilt insbesondere für jenes Gebiet Antarktikas, das weit über den Südpolarkreis hinaus nach Norden bis zur Drake-Straße reicht, die Südamerika und die Falkland-Inseln von den Inseln des Pàlmer-Archipels und der Süd-Shetland-Gruppe trennt. Diese Halbinsel besitzt nicht weniger als vier verschiedene Namen. Auf den Karten der Vereinigten Staaten wird sie als Palmer-Halbinsel und auf den britischen Karten als Graham Land bezeichnet, während sie in Argentinien San Martin Land und in Chile O’Higgins Land genannt wird.

Den Löwenanteil des Gebietes von 20 ° westlicher Länge bis 80 ° westlicher Länge fordert Großbritannien, dessen Ansprüche von Argentinien bestritten werden, das seinerseits das Gebiet zwischen 25 ° und 74 ° westlicher Länge für sich beansprucht. Aber auch Chile reklamiert einen Teil der strittigen Zone für sich, nämlich den Sektor zwischen 53 ° und 90 ° westlicher Länge. Um die Hoheitsrechte Chiles in diesem Gebiet geltend zu machen, besuchte Staatspräsident Gabriel Gonzales Videla 1948 die Greenwich-Insel und O’Higgins-Land. Im Februar 1952 verhinderten Aigentinier mit Waffengewalt vorübergehend die Landung britischer Wissenschaftler in der Hope Bay auf San Martinsland, wo sich bis 1949 eine britische Wetterstation befunden hatte. Der damalige Gouverneur der britischen, aber gleichfalls von Argentinien reklamierten Falkland-Inseln, Sir Miles Clifford, begab sich sofort persönlich an Bord der Fregatte „Burghead Bay“ in die Hope-Bucht. Noch vor seiner Ankunft hatte jedoch ein Notenwechsel zwischen London und Buenos Aires zum Einlenken Argentiniens geführt.

Die USA beanspruchen den Sektor zwischen 80 ° und 150 ° westlicher Länge. Sie überschneiden damit nicht nur die Ansprüche Chiles, sondern auch die Neuseelands, das das Gebiet zwischen 150 ° westlicher bis 160 ° östlicher Länge für sich fordert. In diesem Sektor, der auch das Ross-Meer umfaßt, liegt auf dem Eis in der „Bucht der Wale“ die USA-Beobachtungsstation Little America, von der aus zahlreiche Expeditionen, darunter vier unter Führung des amerikanischen Konteradmirals Richard E. Byrd, ihren Ausgang nahmen.

Die Regierung Neuseelands hat ihre antarktischen Gebiete verwaltungsmäßig in der Ross Dependency zusammengefaßt, deren Administrator beauftragt ist, „alle notwendigen und angemessenen Schritte zu unternehmen, um innerhalb der Dependency dafür zu sorgen, daß Ihrer Majestät Rechte und Souveränität gesichert und gewahrt werden“. Die neuseeländische Regierung unterläßt es daher nicht, vor jeder amerikanischen Expedition Washington daran zu erinnern, daß Little America auf dem „Gebiet Neuseelands“ liegt.

Die Trennlinie zwischen neuseeländischem und australischem Gebiet ist der 160 ° östlicher Länge. Von hier aus erstreckt sich der Anspruch Australiens bis 45 ° östlicher Länge. Die in diesem australischen Sektor befindliche französische Enklave, das Adelie Land, wird von den Längengraden 138 und 142 Ost begrenzt. Mit dem Anspruch Norwegens auf das Gebiet zwischen 45 ° Ost und 20 ° West ist dann Antarktika aufgeteilt.

Der Eisbrecher „Atka“ ist nun also am 7. Januar aus Wellington auf Neuseeland ausgelaufen. Die Besatzung besteht aus 22 Offizieren und 230 Unteroffizieren und Mannschaften, außerdem sind elf Wissenschaftler an Bord. Zur Ausrüstung gehören 3 Bell-Hubschrauber, sowie mehrere Motorschlitten vom Typ „Wessel“, die sich bei den kombinierten amerikanisch-kanadischen Manövern in arktischen Gebieten hervorragend bewährt haben. Auf die Mitnahme von Polarhunden ist verzichtet worden.