Von Alfred Henfzen

Man hat sich daran gewöhnt, daß Kunstbücher überhaupt, insbesondere aber Bücher über die Kunst unserer Zeit, die im Buchhandel Erfolg haben, in erster Linie Bilderbücher sind. Je mehr Abbildungen ein Buch enthält, je mehr farbige darunter sind und je besser die Reproduktionen gelangen, um so sicherer ist der Absatz. Wer das Vorwort oder die Einleitung zu den Tafeln schrieb, scheint vielfach von sekundärer Bedeutung und wird auch von manchem Verleger so behandelt. Das kunstinteressierte Publikum wählt seine Kunstbücher nach dem Augenschein, und wer liest schon den Text – so denkt man. Unter solchen Voraussetzungen hätte man dem Buch von

Werner Haftmann: Malerei im 20. Jahrhundert, Prestel-Verlag, München, 550 S., 28,50 DM

eigentlich nur geringe Erfolgsaussichten zubilligen können. Der gewichtige Band ist nur mit fünfzig ausgewählten Bildnissen der bedeutendsten Künstler illustriert, neben vielfältig in den Text eingestreuten Zeichnungen. Aber aus allen Buchhandlungen kann man erfahren, daß das Buch nicht nur im Weihnachtsgeschäft, sondern darüber hinaus anhaltend einer überraschend starken Nachfrage begegnet. Das ist eine Tatsache, die zu denken gibt.

Verschiedene Gründe sind hier im Spiel. Ein erster, allgemeiner Grund ist der, daß die Anteilnahme an der Kunst unserer Zeit in immer breitere Kreise dringt, ganz entgegen den negativen Prognosen ihrer Gegner. Das merken nicht nur die Leiter der Museen, die neue Kunst sammeln, die Kunstvereine, die sie ausstellen, die Kunsthändler, die sie verkaufen, sondern auch die Verleger, die einen immer breiter werdenden Strom von Büchern über die Kunst des 20. Jahrhunderts herausbringen. Ein zweiter, hier noch wichtigerer Grund ist der, daß ein echtes Bedürfnis vorhanden ist nach sachlicher Information, das die Bilderbücher nicht befriedigen können. Man will nicht nur die Lebensdaten der Künstler erfahren – dafür ist in Haftmanns Buch in einem über 50 Seiten langen Anhang vorbildlich Sorge getragen –, sondern man will auch über die Zusammenhänge unterrichtet werden, „wie es dazu kam“, wie Stufe um Stufe die Ablösung vom impressionistischen Weltbild sich vollzog, wie in aufeinanderfolgenden revolutionären Bewegungen sich ein neuer Sinn, ein neuer Inhalt und eine neue Form des Sehens bildete. Und neben diesen geschichtlichen Fragen wünscht man Auseinandersetzung mit den Problemen der neuen Kunst, wünscht Einführung in die Gedankengänge der Künstler, in den Sinn der Formenwelt, die immer noch so neu und irritierend wirkt. Das alles wird hier Vorbildlich und klar geleistet.

Der wichtigste Grund aber ist natürlich der Autor selbst. Seit dem Erscheinen des Buches über Paul Klee 1950, das schon so überraschend in die Breite und in die Tiefe wirkte, in dem nicht nur die Abbildungen betrachtet, sondern das wirklich gelesen wurde, hat man ganz allgemein eine Gesamtdarstellung der abendländischen Kunst des 20. Jahrhunderts von Haftmann erwartet. Denn das Kleebuch enthielt in nuce schon diese Gesamtdarstellung. Die Betrachtung der europäischen Kunstbewegungen, die zur Deutung des Werkes Klees notwendig waren, griffen weit genug aus, um den Umriß einer Kunstgeschichte unserer Zeit bereits sichtbar zu machen. Und das Buch hatte die große Eigenschaft, lesbar zu sein. Ohne die Probleme zu vereinfachen, ohne das Schwierige leicht zu machen, wurde hier begreifbar, worauf es ankam. Eine seltene Sprachbegabung brachte den Leser weiter, er fühlte sich bereichert und geführt. Das Buch war ein Versprechen.

Dieses Versprechen hat Haftmann nun gehalten. Das neue Buch ist ein großer Wurf, der auf Jahre hinaus alle älteren Versuche gleicher Art ablösen wird. Es ist einzig vergleichbar dem Buch von Carl Einstein, das vor einem Vierteljahrhundert erschien und in dem deshalb die künstlerischen Ereignisse der jüngsten Vergangenheit fehlen müssen.