Körperlich so klein, ist Dr. Dietrich doch ein hervorragend geschickter Fachmann. Er schreibt nicht gut, aber seine Reden sind oft ganz ausgezeichnet. Ich bin stolz darauf, daß es mit diesen paar Mann mir möglich war, auch einmal – wie es am 22. Juni 1941 geschah – das Steuer um 180 Grad herumzuwerfen. Das macht uns kein Land nach.“ So urteilte Adolf Hitler, wie in den „Tischgesprächen“ verzeichnet ist, über seinen „Reichspressechef“.

Von einer Essener Zeitung aus war der Redakteur Dietrich im August 1931 zum „Pressechef der NSDAP“ berufen worden. Im September 1937 ernannte ihn Hitler, wie Dietrich berichtet, „im Vorbeigehen“ zum Nachfolger Funks – als „Pressechef der Reichsregierung“ und Staatssekretär. Ohne Exekutive (die bei Goebbels lag), ohne Einfluß auf die Presse, in den sich Promi und Auswärtiges Amt teilten, dem Reichspropagandaminister an Demagogie und Formulierungskraft weit unterlegen, gebot Dietrich über einen einzigen Vorteil: die Nähe Hitlers, von dessen Seite er keine Sekunde wich.

Die jetzt, zwei Jahre nach seinem Tode, herausgegebenen, angeblich schon 1946 aufgezeichneten Memoiren tragen also zu Recht den Titel „12 Jahre mit Hitler“ (285 S., Isar Verlag, München). Wie Hitlers Urteil bestätigt, gehörte Dietrich zu seinen bedingungslosesten Gefolgsleuten. Ihm mutete er Veröffentlichungen zu, für die Goebbels seinen Namen nicht hergegeben hätte. So erfuhr die Öffentlichkeit durch den Mund von Dietrich am 10. Oktober 1941, daß Rußland besiegt und der Krieg bis auf abschließende Scharmützel beendet sei. Obwohl Hitler später erklärt hat, er habe gesprächsweise bei Tisch diese Hoffnung ausgedrückt und es sei ihm nicht in den Sinn gekommen, daß Dietrich sie der Presse als Tatsache verkünden werde, suchen die Memoiren Dietrich durch Berufung auf einen „Führerbefehl“ zu rechtfertigen.

Am Hofe des Diktators war Dietrich ein vor keiner Schmeichelei zurückscheuender Höfling. Die „Tischgespräche“ erzählen, wie Dietrich Hitler Stichworte zuzuspielen wußte: In einem Tibetfilm – so wandte sich der Pressechef an seinen Meister – habe er mit Interesse gesehen, daß die Wildpferde auf den Hochebenen ihren Leitpferden nachliefen! Hitler erklärte sofort: Ja, wenn der Leithammel fehle, atomisiere sich die Gemeinschaft!

Man wird daher dem Verstorbenen kaum die Befugnis einer „Abrechnung mit Hitler“ zusprechen dürfen. Auch wenn es stimmen sollte, daß Hitler am 30. März 1945 (!) Dietrich entließ, weil er ‚,heftige Auseinandersetzungen“ mit ihm hatte, wird man diesem Memoiren-Gericht, bei dem der langjährige Intimus in der Pose eines Nürnberger Anklägers alle bekannten Gemeinplätze wiederholt, wenig Geschmack abgewinnen können. Auch aus der abschließenden Wertung, bei der Dietrich Carlyle, Voltaire, Napoleon, den italienischen Psychiater Lombroso und Ernst Kretschmer, bemüht, wird man wenig Gewinn ziehen können – zumal Dietrich dem Leser nahelegt, Hitler im Sinne Carlyles nicht als „heldenhaften Bringer“, sondern als „heldenhaften Sucher“ zu sehen.

Lesenswerter ist der zweite Teil des Buches. Es gibt „Bilder aus dem Leben Hitlers“, die der Autor als „literarische Photographien“ verstanden wissen will. Mit dem Fleiß eines Eichhörnchens hat Dietrich hier seine Beobachtungen am Hofe des Diktators zusammengetragen und weiß dem bekannten Bilde manchen neuen Zug hinzuzufügen.

Wir erfahren, daß Hitler niemals am Schreibtisch arbeitete und dieser in seinem Leben nur die repräsentative Rolle des Büfetts in der guten Stube spielte. Daß „Führerbefehle“ nicht schriftlich formuliert wurden, sondern mündl.ch ergingen. Daß niemand in Hitlers Redemanuskripte Einsicht nehmen durfte. Daß er bis 1939 nirgends zu Hause, sondern immer unterwegs war und geworfene Münzen über sein Reiseziel entscheiden ließ. Wir hören, daß der Regierungschef Hitler den ganzen Karl May noch einmal las. Daß Nietzsches Übermenschenlehre ihn ansprach und er in den ersten Weltkrieg mit Schopenhauer im Tornister marschiert ist, daß ihn schöne Literatur nicht interessierte, daß er dagegen im Laufe eines halben Jahres sechsmal „Die Lustige Witwe“ besuchte. Daß zu den wenigen Menschen, die ihn duzen durften, die vier Wagnerenkel gehörten. Daß er Hörbigers Welteislehre anhing, im übrigen aber kein Atheist war. Die Bausteine für die Nürnberger Parteibauten wählte Hitler selbst aus, weil sie an Dauerhaftigkeit die Bauten der Römer übertreffen sollten. Als der Stabschef der SA im Hitlerjugendstadion Hunderennen abhielt, fühlte sich Hitler „blamiert“.