Der Karneval ist fast auf seinem Höhepunkt angekommen. Auch in der Bundeshauptstadt. Der rheinische Karnevalsschlager dieser Saison ist „Do laachs do dich kapott“. Da macht sich in komischer Verdrossenheit ein Kölner über die Campingmode lustig, die für ihn Mücken, Regen und Langeweile bedeutet, und derentwillen man fortwährend in Ameisenhaufen tritt.

Auffallend bei den Schlagerthemen in diesem Jahr: die allgemeine Zurückhaltung gegenüber der Politik und Ereignissen des öffentlichen Lebens. Auch wenn die rheinischen Karnevalslieder immer eher behaglich-gelassen blieben, so hat es doch gerade in den ersten Nachkriegsjahren einige Karnevalslieder gegeben, die auf ihre Weise etwas über unsere Situation aussagten. Am meisten eines der ersten Lieder aus dem Jahre 1946 in komisch verquatschtem Englisch: „Au yes, Marie, au yes...“, das die Frage der Kollektivschuld mit grimmigem Humor erledigte. Weißt du, was verschwunden ist?, sang es listig. Bäuchlein, nicht nur deins und meins, sondern auch das von Michelche „Un dat kunnt doch nix doför“, und konnte also auch nicht kollektivschuldig sein. Ganz „Germany“ hat ordentlich „Kohldampf“, so schloß es. Und darum wurde damals in den Liedern oft von Schinken, gebratenen Täubchen und Wein geträumt, denn „ich kann von der Luft allein nun einmal nicht leben“. Aber schon 1945 meldete sich in einem populären Karnevalslied wieder der Optimismus: „Wir holen alles nach, was wir jetzt verpassen, wir sind noch jung und nicht vom Glück verlassen...“

Berühmt wird dann 1948 der „Trizonesien-Song“. Man hat sich mit der Besatzung abgefunden und trägt sein Schicksal, so etwas wie ein Eingeborener einer Kolonie zu sein, mit Humor und Gleichmut. Mit der großen Politik hat man nichts mehr zu schaffen, denn: „Ein kleines Häuflein Diplomaten macht heut’ die große Politik, sie schaffen Zonen, ändern Staaten – und was ist hier mit uns im Augenblick?“ Aber man läßt sich von den neuen Herren nicht überfahren, denn „Ein Trizonier hat Humor, er hat Kultur, er hat auch Geist, darin macht keiner ihm was vor. Selbst Goethe stammt aus Trizonesien, Beethovens Wiege ist bekannt“... Nach der Währungsreform, als jeder knapp bei Kasse ist, fragt man amüsiert-entrüstet: „Wer soll das bezahlen, wer hat soviel Geld?“

Heute, am Anfang des Jahres 1955, scheint man eigentlich gar keine Probleme mehr zu haben. Geld hat man genug, ja, man kann sogar auf einen großen Totogewinn hoffen und fragt dann besorgt: „War dun mer met all däm Geld?“ Man trinkt nicht nur Bier und Wein, man preist auch den Sekt „mit seinem Knalleffekt“.

Man zapft die Versicherungen behutsam an: „Loß mer strunze, loß meer prahle. De Versicherung muß bezahle. Denn die Lück (Leute) sind arg kulant. Und gon met Geld uns gän zor Hand.“

Man tut sich etwas darauf zugute, „lieb“ zu sein und steht nicht etwa frech-klagend in seinem Steueramt, sondern „mit schwer getrübtem Sinn, zerknirscht“, und singt zum Schalter hin: „Weil ich immer so lieb bin.“ Man ist nett zueinander, bittet um noch mehr Rücksichtnahme und verspricht, noch lieber zu sein: „Du bist so lieb zu mir, du bist so lieb zu mir, mit einem Kuß, mein Schatz, bedank’ ich mich dafür.“

Wird man aber doch einmal politisch, dann sehr behutsam, gewissermaßen durch die Hintertüre. Etwa, wenn auf die John-Affäre – wie weit liegt sie schon wieder hinter uns! – gesungen wird: