Der dritte Teil unseres Vorabdruckes aus George Grosz’ Selbstbiographie endete mit der Übersiedlung des Malers von der Dresdner Kunstakademie nach Berlin.

Deutsche Rechte im Rowohlt-Verlag, Hamburg

Wir liebten die kleinen Eckkneipen, die man Stehbierhallen nannte. Da stand man neben dem Kohlenträger, dem Rollkutscher und dem Portier von nebenan und trank sein Helles, aß seinen Rollmops und nahm hinterher noch einen „Koks mit’n Pfiff“. Das war Kartoffelschnaps mit einem Stückchen Zucker, das in Rum getaucht war. Wer phantasievoller gestimmt war, bestellte ein „Persico mit Rosen“ (Kornschnaps mit einem Schuß Himbeersirup) oder eine „grüne Minna“ (Kartoffelschnaps mit einem Schuß grünen Pfefferminzlikörs).

War man knapp an Geld, so konnte man jederzeit bei Aschinger seinen Hunger stillen. Man bestellte einen Teller Erbsensuppe, und konnte dazu so viel Brot und Brötchen essen, wie man wollte. Aschinger war eine wahre Wohltat für hungrige Künstler.

Dann gab es die Warenhäuser, vor allem Wertheim in der Leipziger Straße. Bei Wertheim kaufte mein Zeichenmaterial, Krawatten, Seifen, Eßwaren; bei Wertheim war ich auch in der Leihbibliothek abonniert und bekam alle Neuerscheinungen, die die kleineren privaten Leihbibliotheken nicht so schnell anschaffen konnten. Bei Wertheim verabredete ich mich mit meiner Freundin zum Tee ... Wertheim war eine Welt für sich. Von Wertheim ging ich gewöhnlich zu Josty, einem alten, berühmten Kaffeehaus am Potsdamer Platz. Da saß ich stundenlang auf der Terrasse, skizzierte, beobachtete die Menschen oder ließ mir vom eigens dafür angestellten Zeitungskellner die neuesten Zeitschriften bringen – alles zum Preis einer Tasse Kaffee. Auch das Nachtleben zog mich an. Es zieht jeden jungen Menschen an; ein Motteninstinkt in uns wird fasziniert vom Bogenlampenlicht der schillernden, spiegelnden Avenuen. Da mein Freund und ich nicht genug Geld hatten, in die großen Tanzpaläste zu gehen, mußten wir uns mit der billigeren Garnitur begnügen. Die lag meist in der Friedrichstadt, aber auch weiter herunter an der Weidendammer Brücke oder in der Chausseestraße und am Oranienburger Tor.

Wir hatten Flaubert und Maupassant gelesen, und so umgaben wir dieses Nachtleben mit einer Art Poesie. Man verehrte Zola, Strindberg, Weininger, Wedekind – naturalistische Aufklärer, anarchistische Selbstquäler, Todesanbeter und Erotomanen. Es war kurz vor dem ersten Weltkrieg...