Psychosomatik und Psychotherapie – das sind heute zwei Schlagworte, die auf Parties und Damenkaffees recht häufig die Gespräche um „Existenzerhellung“, „Dasein“ und „Angst“ abgelöst haben. Begriffe und Namen aber, die echte geistige Objektivationen repräsentieren, halten selbst den literarischen Salon und den Ignoranten aus, Genau so wenig wie die Kategorie der Angst als solche lächerlich wird, nur weil sie lächerlich oft und geschwätzig benutzt wird, genau so wenig werden Psychosomatik und Psychotherapie leere Phrasen werden, nur weil die Snobs in drei Sätzen ohne viermalige Benutzung beider Worte zur Zeit nicht mehr auskommen können. Wer das nicht glaubt, dem sei die Lektüre der Lebenserinnerungen eines Mannes empfohlen, dem die deutsche Medizin mitverdankt, daß sie den Anschluß an die moderne Medizin der Welt noch nicht verlor:

Viktor von Weizsäcker: Natur und Geist – Lebenserinnerungen eines Arztes (im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 244 S., 10,80 DM).

Diese Aufzeichnungen, von Weizsäcker 1944 in Breslau geschrieben, zehn Jahre später der Öffentlichkeit übergeben, sind ein Dokument für das Ringen eines Geistes, der sich selbst das „Genialische“ abspricht, der aber doch von so überragender und zugleich sublimer Intelligenz war, den Irrweg einer Wissenschaft zu erkennen, als dieser Irrweg noch eine Straße des Ruhmes schien. Es ist dies aber die Straße der deutschen naturwissenschaftlichen Medizin, die in der Mitte des vorigen Jahrhunderts begann (vielleicht mit Virchows Polemik gegen die Blutlehre des Wiener Anatomen Rokitansky, vielleicht mit der Verkündung der Zellularpathologie, vielleicht schon mit Jakob Henles Untersuchung über die Ansteckung, vielleicht erst mit der Monographie des Milzbrandbazillus aus der Feder eines gewissen Robert Koch). Genug: danach kamen die Jahre des Triumphs, die Tage der vernichtenden Schläge gegen die großen Seuchen der Welt.

Dies alles hatten die Ärzte erreicht, weil sie endlich streng naturwissenschaftlich zu denken gelernt hatten, weil sie das Gesetz der Kausalität anwandten, weil sie die Spekulationen scheuten, weil sie eine Krankheit erst anerkannten, wenn die Krankheit ihnen unter dem Mikroskop sozusagen bewies, daß sie da war. Was Wunder, daß viele Ärzte und Forscher selbst heute noch nicht bereit sind, auch nur ein Komma von solcher naturwissenschaftlichen Exaktheit abzustreichen, obwohl es heute zwei Gründe gäbe, dies zu tun: der erste entstammt den modernen Naturwissenschaften, denen die Medizin doch so eifrig nachfolgte. Er besagt, daß die klassischen Kategorien der Naturwissenschaft in der modernen Physik und Biologie heute oft überholt sind. Der zweite Grund entstand aus dem „Objekt“ der Wissenschaft Medizin. Dies „Objekt“ ist der kranke Mensch, und der kranke Mensch widersetzte sich allen naturwissenschaftlichen Schematismen. Bei den meisten Kranken blieb ein „dunkler Rest“ (der auch dem strengsten naturwissenschaftlichen Arzt wohl spürbar wurde), der sich im Laufe der Jahrzehnte bei unzählbaren Kranken nicht allmählich in ein helles Kausalitätsgeschehen auflösen ließ, sondern größer wurde und schließlich die ganze Persönlichkeit eines Kranken beschattete.

Von diesem zweiten Grund aus gewinnt Weizsäcker seinen Ansatz. Er schildert in seinen Erinnerungen, wie der neue Standpunkt gewonnen wurde: nicht nur aus einem schon frühzeitig einsetzenden allgemeinen „Unbehagen“ schon an der vor dem ersten Weltkrieg praktizierenden Medizin, sondern auch noch aus den Ergebnissen eigener Forschungsarbeit, die der junge Internist und Neurologe erzielte. Die Sache selbst ist es, die ihn und seine Mitarbeiter zum Beispiel bei Untersuchungen im Räume der Sinnesphysiologie an den klassischen Grundlagen der alten Physiologie, an Begriffen wie Raum, Zeit und Kausalität zweifeln ließen. „Ein Beispiel für diese Lage der Dinge war... der innere Widerspruch des Funktionswandels gewesen, insofern die Funktion – zum Beispiel die Sinnesschwelle – selber Bedingung der Funktion ist. Denn im Funktionswandel ändert sich die Funktion durch ihre eigene Ausübung. Wollte man dies festhalten ... so hatte man in der Tat den Funktionsbegriff untergraben und statt dessen eine Selbststeuerung, eine mechanisch unmögliche Selbstbewegung eingeführt.“ – Was in diesen so abstrakt klingenden Sätzen gesagt wird, ist dies: ganz alltägliche Verrichtungen und Aussagen des menschlichen Organismus widersprechen den Gesetzen der Kausalität, der Mechanik, den Dimensionen der Körperlichkeit, Zeit und Raum.

Von solchen Einzelergebnissen aus führt der Weg Viktor von Weizsäckers folgerichtig zu einer neuen medizinischen Anthropologie, deren einzelne Stücke in diesem Buch mit großer Genauigkeit und distanzhaltender Leidenschaft geschildert werden. Über die Begegnung mit der Psychoanalyse und Sigmund Freud führt der Weg weiter zur Überwindung des unheilvollen Dualismus von Gast und Natur. Ihre ständige Wechselwirkung in der menschlichen Persönlichkeit, die sich freilich nicht auf mechanisch-determinierte Weise abspielt (so wie noch Freud sich die Einwirkung von Seelischem auf den Körper und von Körperlichem auf das Seelische gedacht hatte), ist der Kernpunkt jener Richtung in der modernen Medizin, die sich Psychosomatik nennt und als deren europäischer Initiator von Weizsäcker an erster Stelle genannt werden muß.

Der Weg bis dahin ist mit dem Unverständnis vieler „Kollegen“ gepflastert. Zu stark ist die Anziehung der klassischen Naturwissenschaft für die medizinischen Forscher, als daß sie diese wegen der Neurosen einiger vegetativer Fehlsteuerungen, ein paar ungeklärter allergischer Erscheinungen oder anderer psychophysischer Grenzgeschehen (denn das – so glaubte man noch vor 20 Jahren – war doch der ganze „dunkle Rest“, der im ungünstigsten Falle übrigbleiben konnte, wenn man den Kranken mit dem Licht klarer naturwissenschaftlich-medizinischer Analyse „durchleuchtet“ hatte) über Bord werfen wollten. Immer wieder zeigt Weizsäcker dies Unverständnis auf, das auf Kongressen angesichts solcher Begriffe wie Leistung, Gestalt, ja Freiheit herrscht, die Weizsäcker zur Beschreibung von Phänomenen am kranken Menschen einführen wollte. Das sind ja alles nur „Theorien“, war ein Schlagwort, das dem Heidelberger Professor oft entgegengehalten wurde. Und Theorien waren im Zeitalter der Sulfonamide und des Penicillins sehr, sehr „grau“ geworden. Und doch hat Weizsäcker recht, wenn er sagt: „Wo Sinn und Leidenschaft für Theorie erlahmt und der Tatsachen glaube übrigbleibt, da tritt die Wissenschaft in ihr babylonisches Zeitalter ...“