Zweier Verfehlungen klagte sich Malenkow selber vor dem Obersten Sowjet an: Er sei verantwortlich für die „unbefriedigende Lage in der Landwirtschaft“, und er habe nicht erkannt, daß nur eine Weiterentwicklung der Schwerindustrie die notwendigen Bedingungen schaffe „für einen wirklichen Aufschwung der Produktion aller erforderlichen Massengüter“. War das eine erpreßte Selbstanklage, wie wir sie aus vielen sowjetischen Schauprozessen kennen, oder war er wirklich zu der Überzeugung gekommen, daß seine Politik des „neuen Kurses“ gefährliche Zustände, insbesondere in der Landwirtschaft, aber auch in der Industrie geschaffen hat?

Der erste Sekretär der Partei, Chruschtschew, hat vor dem Obersten Sowjet in seinem einleitenden Referat sich in erster Linie mit Agrarfragen beschäftigt. Seine Rede enthielt auch eine Wiedergabe der Beschlüsse, die das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Ende Januar 1955 zur Hebung der Erträgnisse in der sowjetischen Landwirtschaft gefaßt hat. Diesen Beschlüssen hatten alle Mitglieder des Zentralkomitees zugestimmt, mit Ausnahme von Mikojan und Malenkow. Daraufhin beschlossen die anderen, daß beide zurücktreten müßten. Mikojan schied aus der Regierung aus. Malenkow legte sein Amt als Ministerpräsident nieder und wurde auf Vorschlag Chruschtschows vom Obersten Sowjet zum stellvertretenden Ministerpräsidenten und Minister für Energiewirtschaft ernannt.

Das stellt ein für die Sowjetunion sehr ungewohntes,-korrektes und fast demokratisches Verhalten dar. Kündigt sich hier ein neuer revolutionärer Stil an, oder ist vielleicht die Lage so gespannt, daß die Regierung nicht wagt, einen Mann wie Malenkow, der sich großer Popularität erfreut, zu liquidieren?

Nun, einfach ist die Situation für die Regierung allerdings nicht. Nach Stalins Tod hatte Malenkow der Bevölkerung versprochen, daß sie nach den vielen Entbehrungen endlich entschädigt werden würde dadurch, daß man die Produktion von Konsumgütern verstärken wollte. Den Bauern wie den Mitgliedern der Kolchosen und Staatsgüter war erlaubt worden, in höherem Maße als bisher eigenes Land zu bestellen und eigenes Vieh zu halten. Gleichzeitig wurden Preise und Steuern gesenkt. Man versprach sich davon einen größeren Umsatz, der wiederum der landwirtschaftlichen Produktion zugute kommen sollte.

Aber die erwartete Steigerung der landwirtschaftlichen Erzeugung blieb aus. Auf einzelnen Gebieten gab es sogar einen erheblichen Rückschlag. Im Bericht des Zentralkomitees von 1952 heißt es wörtlich: „Die Kopfzahl der Kühe in unserem Land steht hinter der der Vorkriegszeit um 3,5 Millionen Stück zurück und ist im Vergleich mit dem Jahr 1928 um 8,9 Millionen Stück gesunken. Allein im Jahre 1952 hat man es zugelassen, daß sich diese Stückzahl um 2,2 Millionen verringert hat.“ Und in dem Bericht vom Januar 1955 heißt es, das Viehsterben sei in den Sowchosen (Staatsgütern) der Gebiete Rostow, Krasnodar, Tschita und im Lande Stawropol 1954 bedeutend größer gewesen als im Jahre 1953. Und 1953 war es größer als 1952, wie aus einer Vielzahl von Berichten der Prawda hervorgeht. In Kasachstan, der drittgrößten Republik, dem Lande mit der größten Viehwirtschaft, liegen die Verhältnisse besonders schlecht. Dies ist wohl dadurch zu erklären, daß hierhin nach dem Kriege viele politisch als unzuverlässig geltende Völkerschaften deportiert worden sind: Krimtataren, Inguschen, Tschetschenzen, Daghestaner vom nördlichen Kaukasus, die letzten Reste der nordkaukasischen Kosaken, Bessarabier, Litauer und Letten, alles Elemente, die offenbar den bereits vorhandenen passiven Widerstand der Moslems aus den ehemaligen Nomadenstämmen noch verstärkt haben.

Aber auch sonst müssen wir annehmen, daß es nicht an den Verhältnissen, an falscher Leitung und Organisation, liegt, weshalb der Viehbestand nicht wächst und die Getreideerzeugung im Verhältnis zu der Vermehrung der Bevölkerung zu langsam steigt, obgleich die maschinelle Ausrüstung der MTS, der Maschinen und Traktorenstationen, ständig verbessert und vermehrt wird. Es sind die Menschen, die versagen, die Bauern selbst, die es satt haben, für den Staat zu arbeiten.

Malenkows Lockerungen haben auf dem Lande die Arbeitslust nicht gehoben, sondern gesenkt. Die Bauern haben schwarze Märkte organisiert, auf denen sie nicht nur Produkte verkaufen, die sie dank dem „neuen Kurs“ selber herstellen dürfen, sondern auch unterschlagene Erzeugnisse der Kolchosen. Sie kümmern sich, sobald sie ohne Aufsicht sind, nicht um das Vieh, das ihnen nicht gehört, sie lassen das Heu auf den Weiden verkommen und fahren nur so wenig ein, als sie für die eigenen Tiere brauchen.